21.06.2026 • Topstory

Lakeside Security Summit 2026: Wie Cyber, KI und reale Bedrohungen die Unternehmenssicherheit verändern

Beim Lakeside Security Summit 2026 zeigte sich: Unternehmenssicherheit muss Cyberrisiken, KI, Desinformation, Geldwäsche und geopolitische Abhängigkeiten gemeinsam denken.

Drei Tage, viele Perspektiven, ein klarer Befund: Wer Unternehmenssicherheit 2026 noch als Einzeldisziplin versteht, liegt daneben. Auf dem Lakeside Security Summit 2026 in Schluchsee, veranstaltet von der ASW-BW, die sich aktuell zum VSW-BW umbenennt, drehte sich alles um die neue Gleichzeitigkeit der Risiken. Das Motto „Zwischen Cyber, KI und realer Bedrohung“ erwies sich dabei als belastbare Arbeitsbeschreibung einer Sicherheitslage, in der geopolitische Druckpunkte, hybride Angriffe, Desinformation, organisierte Kriminalität und technologische Beschleunigung zusammenwirken.

Gruppenfoto mit vielen Menschen
Austausch über zentrale Herausforderungen der Unternehmenssicherheit: Führende Expertinnen und Experten trafen sich beim Lakeside Security Summit im Hotel Vier Jahreszeiten am Schluchsee/Schwarzwald
© GIT SICHERHEIT

Auftakt: „Sicherheit hat eine neue Dimension“

Mit einer programmatischen Begrüßung eröffnete Jürgen Wittmann, Präsident der ASW Baden-Württemberg, den Lakeside Security Summit 2026. Gleich zu Beginn kündigte er die Rückbenennung des Verbands an: Künftig firmiert dieser nämlich wieder als Verband für Sicherheit in der Wirtschaft Baden-Württemberg (VSW-BW) – ein Schritt, der Tradition und Anspruch zugleich unterstreiche.

Inhaltlich setzte Wittmann den strategischen Rahmen der Veranstaltung: Sicherheit habe „eine neue, umfassendere Dimension“ erreicht. Die Grenzen zwischen physischer und digitaler, innerer und äußerer Sicherheit verschwämmen zunehmend – und stellten Unternehmen vor deutlich komplexere Anforderungen.

Das Motto „Zwischen Cyber, KI und realer Bedrohung“ sei dabei bewusst gewählt: Es bündele die zentralen Spannungsfelder unserer Zeit – von geopolitischer Instabilität über hybride Angriffe bis hin zu technologischer Disruption durch Künstliche Intelligenz. Lieferketten, Märkte und internationale Standorte gerieten so gleichermaßen in den Fokus strategischer Sicherheitsüberlegungen.

Wittmann formulierte damit zugleich den Anspruch des Summits: nicht nur Entwicklungen zu analysieren, sondern Resilienz aktiv zu gestalten – durch Austausch, Vernetzung und gemeinsame Lösungsansätze zwischen Wirtschaft, Sicherheitsbehörden und Technologieanbietern.

Unternehmenssicherheit 2026: Sicherheit wird zur Systemaufgabe

Schon das Programm machte deutlich, wie breit das Themenspektrum ist: Nach Jürgen Wittmann sprach Albert Blankenburg vom BND über internationale Druckpunkte und deren Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Es folgten am zweiten Tag Armin Schaus zum Operationsplan Deutschland, Christian Ellinger vom LfV BW, Heiko Rittelmeier von ZITIS, Mirko Ross zu Agentic AI und Alessandro Bellardita zu organisierter Kriminalität. Am dritten Tag standen Eva Langerbeck zur deutschen Wirtschaft in Taiwan, Julius Heintz zu Business Travel Compliance, Sophia Belser zu autonomen Sicherheitssystemen sowie Andreas Stenger und Eva Maria Emnet vom LKA BW mit Resilienz- und Finanzkriminalitäts-Themen auf der Agenda.

Geopolitische Risiken und wirtschaftliche Abhängigkeiten im Blick

Albert Blankenburg rückte den Zusammenhang von Wirtschaft, Sicherheit und geopolitischer Lage ins Zentrum. Sicherheit, so die Stoßrichtung seines Vortrags, lasse sich nicht mehr ohne ökonomische Verwundbarkeiten denken. Von „Economic Intelligence“, Wirtschafts- und Forschungssicherheit war die Rede. 

Genannt wurden zudem kritische Abhängigkeiten bei knappen Gütern, bei Lieferketten sowie an strategischen Engstellen wie der Straße von Hormus Straße und – bis dato noch weniger im Fokus der Aufmerksamkeit – der Straße von Malakka. Auch technologische Abhängigkeiten, etwa im Verhältnis zu China und Taiwan, wurden als Druckpunkte beschrieben. Der Tenor: Unternehmen müssen nicht nur ihre Lieferketten kennen, sondern auch die politischen Kräfte, die sie beeinflussen können.

Hybride Bedrohungen, OPLAN DEU und die Frage der Resilienz

Armin Schaus, Oberst i. G. (im Generalstab) bei der Bundeswehr sprach über hybride Bedrohungen, Cyberangriffe auf KRITIS, Ausspähung, Sabotage und Desinformation. Er nannte als Beispiele unter anderem Angriffe auf kritische Infrastruktur, Unsicherheiten im Umfeld von Flughäfen, Kabelvorfälle in der Nordsee und Stromausfälle. 

Mit dem Operationsplan Deutschland werde deutlich, dass Sicherheitsvorsorge längst nicht nur staatliche Stellen betrifft: Auch Wirtschaft und Industrie müssen sich auf Bewegungen, Belastungen und Schutzanforderungen einstellen, ohne dass dabei gesellschaftliche Normalität verloren gehen darf. Die Frage aus dem Publikum, ob Deutschland spät dran sei, beantwortete Armin Schaus sinngemäß so: Es gebe kein Erkenntnisproblem, aber sehr wohl Beschleunigungsbedarf.

Desinformation, Spionage und Prävention als Chefsache

Dass Bedrohungen nicht nur technisch, sondern auch kommunikativ wirken, machte Christian Ellinger vom Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg deutlich. Er erläuterte Aufgaben und Partner des Verfassungsschutzverbunds und stellte eine Taskforce Desinformation vor. 

Von Schadinformation über Falschinformation bis Desinformation: Ellinger nannte konkrete Fallbeispiele aus dem Bereich KRITIS, Extremismus im Wirtschaftskontext, GPS-Jamming und die als „Dream Job“ bezeichnete Recruiting-Masche, bei der Angreifer über scheinbar seriöse Kontaktaufnahmen in sozialen Netzwerken Schadsoftware einschleusen. Seine zentrale Botschaft war bemerkenswert klar: Man könne noch so viele CSOs und CISOs benennen — wirksam werde Sicherheit nur dann, wenn sie Chefsache sei.

ZITIS und Agentic AI: Neue Werkzeuge, neue Angriffsflächen

Prof. Heiko Rittelmeier, Leiter des Referats "Digitale Forensik Services" bei der Zentralen Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (ZITIS) in München zeigte, wo die ZITIS technologische Lücken für Sicherheitsbehörden schließt. Es war von Drohnendetektion, der Untersuchung mobiler Endgeräte, IoT-Geräten und dem Grundsatz die Rede, dass ZITIS immer dort ansetzt, wo es um Signalwege geht. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Schutz von Wissen, Geräten und Infrastrukturen mit der technischen Entwicklung mithalten muss — nicht zuletzt im Homeoffice oder bei unkontrollierten Endgeräten.

Noch direkter auf die technologische Schubkraft blickte Mirko Ross von Asvin GmbH. Sein Thema: „Agentic AI – Zwischen Chance und Bedrohung für Unternehmen“. So würden Sprachmodelle längst genutzt, um Schwachstellen zu finden; zugleich sei genau darin ihr Dual-Use-Problem angelegt. Einige Modelle fänden wiederum Wege, die menschliche Penetrationstester nie entdeckt hätten. Die Verwundbarkeit wachse damit nicht nur wegen der Angreifer, sondern auch wegen der beschleunigten Automatisierung. Besonders aufmerksam machte Ross auf OT-Attacken als weiteres großes Thema. Seine implizite Warnung: Unternehmen sollten KI nicht als Tool-Frage behandeln, sondern als Sicherheitsfrage.

Organisierte Kriminalität und Geldwäsche als Sicherheitsrisiko

Einen ungewöhnlich weiten Sicherheitsbegriff brachte Dr. Alessandro Bellardita ein. Er sprach über Mafia-Strukturen in deutschen Unternehmen und beschrieb die Mafia als hochgradig anpassungsfähiges System, das wie ein Konzern arbeite: mit Netzwerken in Politik, Verwaltung und Wirtschaft, mit Investitionen in Immobilien, Bau, Gastronomie und Logistik.

Er gab Einblick in Ermittlungen aus der Vergangenheit und benannte die strukturelle Schwierigkeit, mafiöse Vereinigungen rechtlich wirksam zu adressieren. Bellarditas Kernthese: Zwischen organisierter Kriminalität und demokratischer Stabilität gebe es keinen harmlosen Zwischenraum. Wo kriminelle Netzwerke Wirtschaft infiltrieren, wird Sicherheit zur Standortfrage.

Wie konkret diese Schnittstelle aus Wirtschaft, Strafverfolgung und Prävention ist, zeigten am Folgetag zum Abschluss der Veranstaltung Präsident Andreas Stenger und Eva Maria Emnet vom LKA BW. Sie thematisierten eindrücklich das „Follow the money“-Prinzip, echte Kryptowäsche-Fälle und die Bedeutung von Kooperationen zwischen Polizei und Sicherheitsgewerbe. Stenger und Emnet zeigten aktuelle Ermittlungszahlen benannten Kooperationen mit FIU, Zollbehörden, Regierungspräsidien und Verfassungsschutz, zudem besondere Auswerte- und Analyseprojekten sowie Erkenntnisse rund um Cybertrading Frauds, als den Anlagebetrug im Internet. Hinzu kam die klare Einschätzung von Andreas Stenger, dass Internationalisierung, Digitalisierung und Professionalisierung der Täterlagen nur mit Vernetzung beantwortet werden können.

Taiwan, Business Travel Compliance und autonome Sicherheitssysteme

Mit Eva Langerbeck kam zuvor jedoch die globale Perspektive auf die Bühne. Ihr Beitrag zur deutschen Wirtschaft in Taiwan verband Geopolitik, Halbleiterboom und Unternehmenspraxis. Sie benannte Grauzonenaktivitäten wie Cyberangriffe, Desinformation, Spionage-Anwerbung und Sabotage. Gleichzeitig wurde Taiwan als hochrelevanter Wirtschafts- und Technologiestandort beschrieben, an dem rund 260 deutsche Unternehmen mit etwa 20.000 Beschäftigten vertreten seien. Die Botschaft war doppelt: Taiwan bleibt wirtschaftlich attraktiv — und sicherheitspolitisch hochsensibel.

Einen praktischen Akzent setzte Julius Heintz von der DVKG mbH. Sein Vortrag zu Business Travel Compliance bewegte sich entlang des Buchungszyklus von Geschäftsreisen und konsularischer Dienstleistungen. Das mag im Gesamtfeld fast unspektakulär klingen, ist aber ein gutes Beispiel dafür, wie Sicherheitsmanagement immer tiefer in operative Geschäftsprozesse hineinreicht. Auch Mobilität, Visa, Compliance und Reiseroutinen gehören heute zur erweiterten Sicherheitsarchitektur international tätiger Unternehmen.

Dr. Sophia Belser, erst jüngst mit einem Doktortitel in Quantenphysik ausgezeichnet, von Laelaps AI führte die Diskussion in Richtung autonomer Sicherheitssysteme. In ihrem Vortrag bezeichnete sie physische Sicherheit als häufig „blind und langsam“. Als Antwort präsentierte Belser ein autonomes, integriertes Lagebild, ein Closed-Loop-System und konkrete Anwendungsszenarien wie Patrouille, Anomalieerkennung, Zutrittskontrolle, Einbruch- und Personenerkennung. Die Richtung sei eindeutig: Sicherheitsorganisationen suchten nicht mehr nur bessere Kamerabilder, sondern belastbare, vernetzte Entscheidungs- und Reaktionsketten.

Zwischen Cyber, KI und realer Bedrohung: Was Unternehmen jetzt mitnehmen sollten

Der Lakeside Security Summit 2026 hat kein bequemes Sicherheitsnarrativ geliefert — und genau das war seine Stärke. Die Vorträge zeigten, dass sich Unternehmenssicherheit nicht länger in IT-Security, Reisesicherheit, Compliance, physische Sicherheit und Krisenmanagement aufteilen lässt, als handele es sich um getrennte Welten. 

Wer Lieferketten schützt, muss Geopolitik verstehen. Wer Desinformation bekämpfen will, braucht Kommunikation und Führung. Wer KI nutzen möchte, muss ihre Missbrauchspotenziale mitdenken. Und wer organisierte Kriminalität oder Geldwäsche als Randthema betrachtet, unterschätzt ihren Einfluss auf wirtschaftliche Resilienz. Der neu firmierende VSW-BW hat damit ein Programm gesetzt, das den Anspruch ernst nimmt, Sicherheit in der Wirtschaft als vernetzte Führungsaufgabe zu behandeln.

Vorankündigung

Ort und Termin des nächsten Lakeside Security Summits:
16.-18. Juni 2027
Hotel Vier Jahreszeiten, Schluchsee/Schwarzwald.

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