Auftakt zum Technologietransfer für Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit
Beim Kick-off-Workshop des Innovations- und Transferzentrums für Drohnen und Drohnenabwehr (IZEDD) Karlsruhe demonstrierten Vertreter aus Wissenschaft, Unternehmen, Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) Einigkeit und Entschlossenheit, technologische Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen. Rund 100 Teilnehmer kamen in die Karlsruher Forschungsfabrik, um sich gemeinsam ein Bild von Bedarfen, Use-Cases, vorhandenen Kompetenzen und möglichen Entwicklungsschwerpunkten in künftigen Projekten zu machen.

Eingeladen hatten das Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB, das Fraunhofer-Institut für Chemische Technologie ICT sowie das wbk Institut für Produktionstechnik am Karlsruher Institut für Technologie KIT. Die drei Institute betreiben das Innovationszentrum, für dessen Startphase das baden-württembergische Wirtschaftsministerium den Förderbescheid überreicht hatte.
„Wir schaffen einen Anlaufpunkt und Kristallisationskeim“, sagte Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer, Institutsleiter des Fraunhofer IOSB und Leiter des IZEDD, in seiner Begrüßung und lud alle mit Drohnenentwicklung und -anwendung befassten Akteure ein, sich einzubringen.
Innovationskraft, Präzision und technologische Exzellenz
Die Tragweite des IZEDD bekräftigte Staatssekretär Thomas Dörflinger: „Dieses Vorhaben zahlt auf ein großes gemeinsames Ziel ein: unsere Sicherheit.“ Baden-Württemberg stehe für Innovationskraft, Präzision und technologische Exzellenz. Diese Stärken seien jetzt mehr denn je gefragt.
Der Vizepräsident Forschung, Lehre und Akademische Angelegenheiten des KIT, Professor Dr. Oliver Kraft, ergänzte: Er selbst habe das Ende des Kalten Krieges und damit einhergehende globale Entspannung erlebt. Spätestens mit der Annexion der Krim durch Russland sei jedoch die Hoffnung auf eine dauerhafte Entwicklung zerschlagen worden. „Wir müssen Technologie, die wir bereits in der Hand haben, in die Anwendung bringen“, so Oliver Kraft, um die zivile und militärische Sicherheit in und für Deutschland zu erhöhen.
Von der Spionage zur Sabotage und aktiven Angriffen
„Wir sprechen hier nicht nur über einzelne Technologien“, ergänzte Oberstleutnant Andrew Grau vom Landeskommando Baden-Württemberg, „sondern darüber hinaus von Grundlegendem wie Souveränität und Verteidigungsfähigkeit.“
Drohnentechnik habe militärische Szenarien massiv verändert, Drohnen und ihre Abwehr seien zwei Seiten derselben Medaille: Die in Deutschland zunehmend gesichteten Drohnen haben die Eskalation von Spionage zur Sabotage bereits demonstriert, der nächste erwartbare Schritt seien aktive Angriffe. „Wir müssen schnell reagieren und agieren können. Gewinner ist, wer Erkenntnisse aus der Praxis schnell und skalierbar in die Weiterentwicklung einbringt“, sagte Andrew Grau.
Entwicklungs- und Umsetzungshub für vollständige Wertschöpfungskette
Jürgen Beyerer schloss daran an, als er die Motivation und Zielsetzung des IZEDD erläuterte: „Wir wollen einen maßgeblichen Beitrag zur Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit Deutschlands leisten.“ Dies umfasse die Souveränität in den Lieferketten und gleichermaßen die Entwicklungsgeschwindigkeit. Jürgen Beyerer nannte das IZEDD einen „zentralen Transfer-, Entwicklungs- und Umsetzungshub für die vollständige Wertschöpfungskette und alle Lebenszyklusphasen“.
Vernetzung und Skalierung im Fokus
Norman Nagel, Business Developer bei Mahle International und damit Vertreter der Zulieferindustrie, prognostizierte, nicht die größte Organisation werde den Wettbewerb für sich entscheiden, sondern die am besten vernetzte. Wichtiger als eine hervorragende Idee sei die Fähigkeit, diese zum Prototyp weiterzuentwickeln und zu skalieren. Entwicklungszyklen von zum Teil zehn Jahren und mehr müssten auf einige Monate reduziert werden, die Produkte weniger als langlebige Universalgeräte, eher als hochspezialisierte Wegwerfware gedacht werden.
Prof. Dr.-Ing. Frank Henning, Institutsleiter des Fraunhofer ICT, unterstrich die besondere Stärke des Wissenschaftsstandorts Karlsruhe für das IZEDD: „Die etablierte Zusammenarbeit mit dem KIT, der Hochschule Karlsruhe und dem FZI Forschungszentrum Informatik sowie die langjährige Erfahrung der Fraunhofer-Institute ICT und IOSB in der Verteidigungsforschung und im Industrietransfer schaffen eine hervorragende Grundlage für ein dynamisches Ökosystem. Dieses macht die Kompetenzen seiner Partner sichtbar und bündelt ihre Bedarfe wirkungsvoll.“
Lagebild und definierte Handlungsketten bei Drohnensichtungen
Hans-Martin Zimmermann, Head of Engineering Defence Digital bei Airbus Defence and Space zitierte aus einer Studie zum gesamtstaatlichen Sicherheits-Ökosystem, wonach Deutschland in diesem Zusammenhang etwa zehn Jahre zurückliegt. Es stehe nicht zu wenig Technologie zur Verfügung, jedoch machten Verkettungslücken und ungeklärte Zuständigkeitsfragen Deutschland weniger resilient als es sein könnte.
Eine Kombination aus Drohnen- und Cyberangriffen, physischer Sabotage und Desinformationskampagnen auf Social Media sei kein aus der Luft gegriffenes Szenario. Eine Drohne einfach abzuschießen, wie bisweilen gefordert, sei in Deutschland nicht möglich, man müsse andere Wege zur Verteidigung finden.
Wichtig vor allem seien ein umfassendes lokales Lagebild und definierte Handlungsketten, sobald Drohnen unbekannter Herkunft gesichtet werden. Zur Steigerung der Resilienz seien keinesfalls neue Behörden, sondern schnellere Entscheidungswege und eine bessere Vernetzung bisheriger Instanzen nötig.
Hans-Martin Zimmermann brachte einen weiteren Aspekt ein: Nach seinen Erfahrungen in der Ukraine stelle ein ungesicherter Luftraum für die Zivilbevölkerung eine besondere psychische Belastung dar. Außerdem werde ein gesellschaftliches Thema in Deutschland kaum diskutiert: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass kein Schutzschild perfekt ist und wir Schäden verkraften müssen.“ Wichtig sei, vorher zu klären, wie man danach sofort wieder handlungsfähig wird. „Üben, üben, üben – und unsere Fähigkeiten gezielt nachschärfen“, empfahl Hans-Martin Zimmermann zum Abschluss.
Modularer Baukasten für Drohnen(abwehr) und ihre Fertigung
Prof. Dr.-Ing. Jürgen Fleischer, Leiter des wbk Instituts für Produktionstechnik am KIT, betonte die Wichtigkeit eines normierten Baukastens, um die Kompetenzen zu ordnen, Kapazitäten zu orchestrieren und so die Drohnenproduktion zu beschleunigen. Sein Ziel sei, für jedes Element im Baukasten ein definiertes Fertigungsmodul zur Verfügung zu haben, um Bedarfe agil erfüllen zu können.


















