26.06.2026 • Topstory

NRW Sicherheitstag 2026: Wirtschaftsschutz zwischen Geopolitik, Cyberbedrohung und Resilienz

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Globaler Druck, hybride Bedrohungen, neue Regulierung: Der NRW Sicherheitstag 2026 zeigt, warum Wirtschaftsschutz zur strategischen Kernaufgabe wird. Mit rund 200 Teilnehmenden verzeichnete die Veranstaltung einen neuen Rekord – ein Signal für die wachsende Relevanz des Themas. Die Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft West (ASW West), künftig als VSW NRW, unterstrich dabei den Anspruch, den Austausch zwischen Behörden und Wirtschaft weiter zu verbessern.

Der NRW Sicherheitstag 2026 am 24. Juni 2026 im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) machte deutlich, wie sehr sich das Verständnis von Sicherheit in Wirtschaft und Gesellschaft verändert. Zwischen geopolitischen Spannungen, digitalisierten Bedrohungen und wachsender Regulierung rückt der Wirtschaftsschutz ins Zentrum unternehmerischer Verantwortung.

DLR, Forschung und Sicherheit: Einblicke der Gastgeberin

Den Auftakt aus Gastgeberperspektive setzte Dr. Melanie von der Wiesche vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Sie skizzierte die Rolle des DLR als interdisziplinäre Forschungseinrichtung, die nicht nur Luft- und Raumfahrt, sondern auch Energie, Verkehr und Sicherheitstechnologien adressiert. Gerade im Bereich kritischer Infrastrukturen und Resilienzforschung werde deutlich, wie eng wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Sicherheitsfragen zusammenhängen. Die vorgestellten Aktivitäten reichten von der Analyse komplexer Risikoszenarien bis hin zur Entwicklung von Schutzkonzepten für terrestrische Infrastrukturen. Sicherheit, so ihre implizite Botschaft, beginne längst nicht mehr erst beim Ereignis, sondern bereits bei der Modellierung und dem Verständnis zukünftiger Bedrohungslagen.

Wirtschaftsschutz: Von der Vollkasko zur Eigenverantwortung

In seiner Eröffnung machte Christian Vogt deutlich, dass Sicherheit heute nicht mehr delegiert werden kann. „Die Vollkasko-Mentalität muss abgelegt werden“, lautete eine zentrale Botschaft. Stattdessen brauche es eine neue Balance aus Flexibilität und Sicherheit – eine „Flexiturity“, die auch ein aktives Engagement der Unternehmen einschließt.

Dabei rückt insbesondere die Kooperation zwischen Wirtschaft und Sicherheitsbehörden stärker in den Fokus. Informationsaustausch und abgestimmte Lagebilder gelten als entscheidende Voraussetzungen für wirksamen Schutz.

Sicherheitslage NRW: Komplexer, digitaler, unsichtbarer

NRW-Innenminister Herbert Reul zeichnete ein deutlich verschärftes Lagebild. Während Bedrohungen früher klarer strukturiert gewesen seien, sei die Situation heute diffuser: „Es gibt nicht mehr die eindeutig klaren Täter samt Bekennerschreiben.“

Cybercrime, Extremismus und Terrorismus verschmelzen zunehmend mit digitalen Dynamiken. Politische Kriminalität habe sich in den digitalen Raum verlagert, häufig in Form von Hasskriminalität. Gleichzeitig nehme der wirtschaftliche Schaden durch Cyberangriffe dramatische Größenordnungen an.

Reul betonte, dass Sicherheit nur gemeinschaftlich funktionieren könne: Staat und Wirtschaft seien gleichermaßen gefordert.

Desinformation und Manipulation: Vom Fake zur Strategie

Die wachsende strategische Bedeutung von Information unterstrich Prof. Dr. Hektor Haarkötter. Anhand historischer und aktueller Beispiele – von „Pizzagate“ bis zu gefälschten Videos im Wahlkampf – zeigte er, wie sich Desinformation professionalisiert hat.

Dabei gehe es längst nicht mehr nur um einzelne Falschmeldungen, sondern um gezielte Manipulation ganzer Informationsräume. „Debunking allein reicht nicht“, so der Tenor – vielmehr brauche es „Prebunking“, also präventive Aufklärung.

Rechtlich sei die Lage ebenfalls in Bewegung: Es gebe kein „Recht auf Lüge“, gleichzeitig müsse ein Ausgleich mit der Meinungsfreiheit gefunden werden.

Hybride Bedrohungen: Spionage, Cyberangriffe und neue Rollen

Bodo Becker vom Bundesamt für Verfassungsschutz beleuchtete die Perspektive staatlicher Sicherheitsdienste. Russische Cyberangriffe und chinesische Wissenschaftsspionage gehören laut ihm zu den relevanten Bedrohungen für Unternehmen.

Der Fokus verlagere sich zunehmend auf Detektion, Disruption und Prävention. Gleichzeitig stellte sich die Frage, ob deutsche Behörden ausreichend Befugnisse haben, um mit internationalen Entwicklungen Schritt zu halten.

Geopolitik als Chefsache

Wie stark geopolitische Entwicklungen Unternehmen direkt betreffen, zeigte Dr. Konstantinos Tsetsos. In seinem Vortrag verband er Szenarioanalysen mit provokativen Thesen: Blockbildungen zwischen globalen Machtzentren könnten sich weiter verfestigen.

Unternehmen müssten lernen, mit Unsicherheit zu arbeiten. „Resilienz schlägt Effizienz“ – dieser Leitsatz brachte die Kernbotschaft auf den Punkt. Geopolitik sei keine abstrakte Größe mehr, sondern gehöre auf die Agenda der Unternehmensführung.

Mit einem strategischen Blick auf die sicherheitspolitische Lage rückte Wolfgang Gäbelein, Generalmajor a. D., die Rolle der Wirtschaft in den Mittelpunkt. Unternehmen seien nicht mehr nur Betroffene von Krisen, sondern Teil der gesamtgesellschaftlichen Verteidigungsfähigkeit. Der Vortrag unterstrich die wachsende Verzahnung von Wirtschaftsschutz und nationaler Sicherheitsstrategie.

KRITIS und Resilienz: Ohne Strom keine Sicherheit

Besonders greifbar wurde die Diskussion bei KRITIS-Themen. Stefan Engelbrecht von RWE machte deutlich: Ohne Strom gibt es keine Handlungsfähigkeit – weder für Unternehmen noch für Gesellschaft.

Hybride Bedrohungen zielen darauf ab, die Verteidigungsfähigkeit zu schwächen. Gleichzeitig werde von der Wirtschaft erwartet, eigene Resilienzstrukturen aufzubauen, obwohl passende rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen oft fehlen.

Ein zentrales Thema sei daher die bessere Verzahnung von Staat und Wirtschaft – etwa über gemeinsame Übungen, abgestimmte Prozesse und systematische Frühwarnsysteme.

Regulierung, Drohnen und Zukunftstechnologien

Weitere Impulse setzten die Vorträge zu Regulierung und technologischen Entwicklungen. Die steigende Komplexität von Vorgaben wie NIS-2 oder CRA erfordere klare Prioritäten und pragmatische Umsetzung – zu hören im Vortrag von Marius Wiersch von der HiSolutions AG.

Gleichzeitig rücken neue Bedrohungsformen in den Fokus – etwa durch Drohnen. Dr. Daniel Lichte zeigte, wie Detektion und Bewertung solcher Risiken künftig organisiert werden können.

Fazit: Sicherheit wird zur strategischen Disziplin

Der NRW Sicherheitstag 2026 verdeutlicht: Sicherheit ist keine isolierte Funktion mehr, sondern eine strategische Disziplin. Unternehmen müssen Risiken eigenständig bewerten, Resilienz aufbauen und enger mit staatlichen Akteuren kooperieren.

Die Botschaft des Tages bleibt eindeutig: Wirtschaftsschutz ist kein Add-on – er wird zum zentralen Erfolgsfaktor im Spannungsfeld aus Geopolitik und Unternehmensrealität.

Nicht zuletzt zeigte die Veranstaltung, wie zentral der kontinuierliche Austausch zwischen Wirtschaft, Behörden und Forschung geworden ist. Viele der diskutierten Herausforderungen – von Cyberbedrohungen über KRITIS-Schutz bis hin zu geopolitischen Risiken – lassen sich nur gemeinsam bewältigen. Der NRW Sicherheitstag 2026 bot hierfür eine geeignete Plattform: für Vernetzung, für den Abgleich von Lagebildern und für den offenen Dialog über Grenzen hinweg. Gerade dieser Austausch, jenseits von Einzellösungen und Silodenken, dürfte sich als einer der entscheidenden Faktoren für wirksamen Wirtschaftsschutz erweisen.

Vorankündigung

Termin nächster NRW Sicherheitstag:
3. Mai 2027

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