19.10.2026 • Topstory

Alarmierung per App: Präzise Ortung für Events, Kliniken und Unternehmen

Sicherheitsvorfälle erfordern oft schnelle Reaktionen und eine präzise Lokalisierung von Betroffenen. Die SafeNow-App verfolgt das Ziel, Hilfesuchende per Knopfdruck mit vordefinierten Kontakten sowie örtlichen Sicherheitskräften zu verbinden. Im Interview erläutert Gründer Tilman Rumland die technischen Grundlagen der Standortbestimmung, Anwendungsfelder bei Veranstaltungen, in Krankenhäusern und Unternehmen sowie das Geschäftsmodell hinter der Plattform.

Grafischer Querschnitt von Gebäude mit alarmierender Person und Alarmempfänger
Ein Knopfdruck in der App reicht, um lokale Helfer zu alarmieren
© SafeNow GmbH
Portrait eines Mannes mit Dreitagebart
Safenow-Gründer und -Geschäftsführer Tilman Rumland
© SafeNow GmbH

GIT SICHERHEIT: Herr Rumland, Ihre SafeNow-App ist weltweit ausgesprochen erfolgreich. Sagen Sie uns doch zum Einstieg einmal, was sie genau leistet. 

Tilman Rumland: Im Kern kann man mit Safenow mit einem Knopfdruck all seine vordefinierten Kontakte alarmieren. Diese bekommen dann einen lauten Alarmton, der sich auch über „bitte nicht stören“ und „lautlos“ hinwegsetzt, und den exakten Standort teilt. Befindet man sich zusätzlich in einer SafeNow-Zone – wie in einem Fußballstadion, einem Club oder auf einem Festival – wird automatisch auch das Sicherheitspersonal vor Ort alarmiert. Durch die direkte Alarmierung der lokalen Helfer und metergenaue Ortung innerhalb von einem Gebäude kann Menschen schneller und präziser geholfen werden als je zuvor. Die App ist für alle Nutzer für immer kostenlos und mittlerweile weltweit im Einsatz, mit über 1,6 Millionen Nutzern.

Die Ortung ist metergenau und stockwerkübergreifend. Welche technischen Bausteine ermöglichen diese Präzision – und welche Voraussetzungen hat das jeweils vor Ort? 

Tilman Rumland: Grundlage ist ein digitaler Zaun, den wir um das jeweilige Verantwortungsgebiet ziehen. Wo es darüber hinaus auf raum- oder stockwerkgenaue Unterscheidung ankommt, etwa in mehrgeschossigen Gebäuden oder in dicht besetzten Bereichen wie dem Stehbereich eines Fußballstadions, kombinieren wir mehrere Verfahren. Wir nutzen dafür Bluetooth Low Energy Beacons, also kleine energieeffiziente Sender, dazu die bestehende WLAN-Infrastruktur vor Ort und eigene Algorithmen, die diese Signale zusammenführen. Das Ergebnis ist, dass wir in so einem Stadion im Median auf fünf Meter genau orten können, egal ob Stehbereich, Tribüne, Parkplatz, Kabine oder Loge. Die Beacons sind einfach aufzusetzen, sehr kostengünstig und halten je nach Typ zwei bis zehn Jahre.

Lassen Sie uns das mal anhand eines großen Open-Air-Festivals durchdeklinieren. Wie wird es zur Safe Zone? 

Tilman Rumland: Nehmen wir das Lollapalooza Festival im Juli in Berlin als Beispiel. Wir zeichnen für den Veranstalter einen digitalen Zaun um das Gelände, das er absichern möchte. Bei einem Open-Air-Festival wie diesem reicht dafür GPS völlig aus. Sobald das eingerichtet ist, ist die Fläche eine SafeNow-Zone, und jeder, der sich dort mit der App aufhält, kann mit einem Knopfdruck direkt den zuständigen Sicherheitsdienst erreichen, mit exaktem Standort. Das gilt übrigens auch, wenn man selbst nicht der Betroffene ist, sondern für andere auf dem Festival Hilfe holen möchte.
Wie wir das technisch umsetzen, hängt vom Gelände ab. Bei Veranstaltungen mit Zelten wie dem Münchner Oktoberfest oder dem Cannstatter Wasen ergänzen wir GPS zusätzlich mit unseren Beacons, die auch innerhalb der Zelte für eine noch präzisere Ortung sorgen. Dort ist jedes teilnehmende Zelt seine eigene SafeNow-Zone. Dieses Jahr sind das acht Zelte auf dem Oktoberfest und alle Zelte des Cannstatter Wasens. Sobald ein Gast das Zelt wechselt, wechselt die App automatisch mit, ganz ähnlich wie ein Handy beim Grenzübertritt in ein anderes Land automatisch den Netzanbieter wechselt. Der Gast muss sich nirgends einloggen und ist in jedem Zelt sofort mit dem dortigen Sicherheitsteam verbunden.  

Wie kann ein Betroffener jetzt auf einen Angriff reagieren und wie ist dann der weitere Ablauf? 

Tilman Rumland: Ein Knopfdruck in der App reicht, um lokale Helfer zu alarmieren, schnell und unauffällig. Man kann dabei auch angeben, ob es Verletzte gibt und wenn ja, wie viele. So kann der Sicherheitsdienst direkt einschätzen, ob weitere Sicherheits- oder Sanitätskräfte alarmiert werden müssen. Die Sicherheitskräfte nutzen dafür eine eigene App, in der sie sofort sehen, woher der Alarm kommt, wo genau sich die Person befindet und was passiert ist. Auf dem Oktoberfest ist zum Beispiel die Aicher Ambulanz über eine Schnittstelle in die Rettungskette direkt eingebunden. Gerade bei hohem Gedränge und voll besetzten Zelten kann diese Ortungspräzision für die Sanitätsdienste den entscheidenden Unterschied machen.

Interessant ist diese App nicht nur für Veranstaltungen. Krankenhäuser sind zum Beispiel ein Thema, weil, wie Sie mir in unserem Vorgespräch sagten, dies ein sehr spezieller Ort zwischen Intimität und Öffentlichkeit ist. Wie kommt das System hier genau zum Einsatz? 

Tilman Rumland: Gerade in Notaufnahmen liegen die Nerven oft blank, und statistisch gesehen gibt es leider erstaunlich viele verbale und auch physische Übergriffe auf Krankenhauspersonal. Mit Safenow kann das Personal einen stillen Alarm auslösen, ohne die Situation zu eskalieren oder andere Patienten zu verängstigen. Safenow ist dabei ein offenes System und kann genauso von Patienten selbst genutzt werden, wenn sie sich unsicher fühlen oder Hilfe brauchen. Neben der App haben wir in Krankenhäusern zusätzlich auch physische Buttons an strategisch gewählten Orten im Einsatz, etwa in Notaufnahmen, in psychiatrischen Einrichtungen sowie in Kinder- und Frauenkliniken.

Welche Potenziale sehen Sie etwa für Unternehmensgelände, Bürokomplexe oder dergleichen? Wie könnte die App bestehende Sicherheitsstrukturen ergänzen?

Tilman Rumland: Ein gutes Beispiel ist der ProSiebenSat.1-Campus in Unterföhring. Dort deckt Safenow auch die Bereiche ab, die sonst schwer zu überwachen sind, etwa Konferenzräume oder Toiletten, und das ohne zusätzliche Kameras oder mehr Personal. Wir ersetzen keine Werksfeuerwehr und keine bestehende Security, wir binden sie in eine gemeinsame Plattform ein und machen sie für alle Mitarbeitenden aktiv und intuitiv erreichbar. Auch Ersthelfer im Unternehmen sind direkt Teil dieses Systems. Gerade in modernen Arbeitsumgebungen, wo niemand mehr genau weiß, wer wann im Büro ist, wird das relevant: unsere App loggt Ersthelfer automatisch ein und aus, sobald sie das Gelände betreten oder verlassen. So ist jederzeit klar, wie viele Ersthelfer verfügbar sind, und im Nachgang lässt sich sauber nachvollziehen, wann sie präsent waren. Unternehmen sehen darüber hinaus auch einen messbaren Effekt auf die Mitarbeiterzufriedenheit.

Nun ist die App ja kostenlos – aber nur für die Nutzer selber. Wie sieht eigentlich das Geschäftsmodell aus? 

Tilman Rumland: In vielen Fällen zahlt der Betreiber für die Safenow-Zone, das kann ein Fußballstadion, ein Festival-Veranstalter oder ein Business Campus sein, der seinen Gästen und Mitarbeitenden zusätzliche Sicherheit auf dem Gelände anbieten möchte. Die schnelleren Reaktionszeiten, die verkürzten Meldewege und die messbare Steigerung des Sicherheitsgefühls von Mitarbeitenden und Gästen sind für den Betreiber von sehr hohem Wert. Das Entscheidende dabei: SafeNow bleibt für die Nutzenden für immer kostenlos, ohne Werbung, ohne Bewegungsprofile, ohne Datenverkauf, ohne Premium-Subscription. Die App funktioniert auf der ganzen Welt als privates Alarmierungssystem, auch außerhalb einer SafeNow Zone.Darüber hinaus gibt es Sponsoren, die die Kosten der Zonen für Veranstalter teilen oder sogar ganz übernehmen. Die Marke Essence hat das Lollapalooza in Berlin unterstützt, Jägermeister die World Pride in Amsterdam, eine Versicherung ein Straßenfest in Österreich.

Sie entwickeln das System sicher immer weiter. Was könnte da noch Neues kommen? 

Tilman Rumland: Wir bringen bald einen physischen Knopf heraus, als Schlüsselanhänger oder zum Umhängen. Dieser macht das Ganze noch unauffälliger und schneller: Man muss das Handy nicht mehr rausholen, entsperren und die App öffnen, sondern kann direkt über den Knopf alarmieren, während das Handy in der Tasche bleibt. Bald kommt außerdem eine Smartwatch-Variante. Jeden zusätzlichen Weg, schneller zu alarmieren, finden wir sinnvoll.

Grafische Kartenansicht einer markierten Safe-Zone und ihres digital...
So wird eine Safe-Zone angezeigt. Grundlage ist ein digitaler Zaun, der um das jeweilige Verantwortungsgebiet gezogen wird
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