17.06.2026 • Topstory

Feuerwehr Hannover im Interview: Wie Krisenvorsorge und OPLAN Deutschland den Bevölkerungsschutz stärken

Im Vorfeld der Interschutz in Hannover spricht Christoph Bahlmann, Direktor der Feuerwehr Hannover seit Oktober 2022, über die aktuellen Herausforderungen und strategischen Weichenstellungen seiner Organisation. Im Interview mit GIT SICHERHEIT beleuchtet er die Weiterentwicklungen in der Notfallrettung sowie zentrale Aspekte des modernen Bevölkerungsschutzes: Von der High Performance CPR über Notfallinformationspunkte bis hin zur Vorbereitung auf hybride Bedrohungslagen. Besonders vor dem Hintergrund geopolitischer Spannungen und klimabedingter Extremereignisse gewinnt die kommunale Krisenvorsorge an Bedeutung. Bahlmann skizziert die Strukturen des Krisenmanagements, die Integration des Oplans Deutschland in zivile Planungen sowie konkrete Szenarien wie großflächige Stromausfälle.

Gesicherte Einsatzkräfte an Fassade mit Trage
Die Fachgruppe der Feuerwehr Hannover für die spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen feiert in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum
© Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Feuerwehr
Mann mit Feuerwehruniform mit Feuerwehrautos im Hintergrund
Christoph Bahlmann, Direktor der Feuerwehr Hannover
© Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Feuerwehr

Herr Bahlmann, zunächst einmal herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen für dieses Gespräch – Sie bereiten sich gerade auf die Interschutz vor, die ja bei Ihnen in Hannover stattfindet. Mit welchem Konzept werden Sie sich dort präsentieren?  

Christoph Bahlmann: Die Interschutz ist uns Hannoveranern eine Herzensangelegenheit. Wir thematisieren auf unserem Stand unser Konzept der High Performance CPR (HP-CPR). Die HP-CPR umfasst standardisierte Abläufe in der Wiederbelebung unter Einbeziehung der Besatzung eines Hilfeleistungslöschfahrzeuges. Weiterhin greifen wir aus dem Bereich Bevölkerungsschutz das Thema Notfallinformationspunkte, also Kontaktpunkte für die Bevölkerung in besonderen Krisenlagen auf. Da unsere Fachgruppe für die spezielle Rettung aus Höhen und Tiefen in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, ist Höhenrettung ein wesentliches Thema. Der Pavillon 34 steht unter diesem Themenschwerpunkt und es gipfelt am Messesamstag im Nationalen Leistungsvergleich der Höhenrettungsgruppen, der auf dem Messegelände stattfinden wird. Dies sind nur einige unserer Themen. Wir freuen uns, Sie am Stand B48 in Halle 12 zu begrüßen. 

Sie sind ja seit etwa 25 Jahren bei der Feuerwehr Hannover – das ist eine schöne runde Zahl. Sie haben bei Ihrer Berufung als Direktor der Feuerwehr gesagt, Sie könnten sich keinen interessanteren Beruf vorstellen und haben sich vorgenommen, die Feuerwehr auf hohem Niveau weiterzuentwickeln. Könnten Sie vielleicht zum Einstieg eine (Zwischen-)Bilanz ziehen? 

Christoph Bahlmann: Mein Einstieg als neuer Chef der Feuerwehr Hannover im Oktober 2022 fand unter dem Eindruck des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine statt. Seitdem haben wir – wie viele andere Kommunen auch – den Bereich des Bevölkerungsschutzes und Krisenmanagements personell wie auch inhaltlich systematisch ausgebaut. Dieser Prozess ist seitdem ein Dauerthema. Daneben beschäftigen wir uns mit der Fortentwicklung unserer Regionsleitstelle, die eine Fläche so groß wie das Saarland versorgt. Gerade vor dem Hintergrund des Umbaus unseres Gesundheitssystems und der Notfallvorsorge in Deutschland sowie dem damit verbundenen Kostendruck ist das eine weitere Mammutaufgabe, die wir sukzessive erfolgreich umsetzen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, auf allen Ebenen des Unternehmens Feuerwehr Hannover fachlich versierte und hoch motivierte Fachkräfte zu gewinnen und zu binden – das ist die Basis für viele Projekte und damit unsere Zukunft. Des weiteren sind wir dabei, den Neubau eines unserer fünf Standorte konkret zu planen – ein 130 Millionen Euro-Projekt. Sie sehen, es gibt allen Grund für eine sehr positive Zwischenbilanz.    

Könnten Sie uns einmal Struktur und Aufgabenspektrum der Feuerwehr Hannover kurz vorstellen? 

Christoph Bahlmann: Wir sind eine kommunale Großstadtfeuerwehr mit 925 Mitarbeitenden auf fünf Feuer- und Rettungswachen. Wir decken ein breites Aufgabenspektrum der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr in den Gebieten Brandschutz und Hilfeleistung, dem Rettungsdienst, der Regionsleitstelle sowie dem Bevölkerungsschutz und dem Krisenmanagement ab. Die Feuerwehr ist einer von 26 Fachbereichen der Landeshauptstadt Hannover. Zur Wahrnehmung der umfangreichen Anforderungen sind wir in sieben Bereichen und einer Stabsstelle organisiert. 

Die Themen Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz haben in jüngerer Zeit vor dem Hintergrund neuer geopolitischer Bedrohungen einen veränderten Zungenschlag bekommen. Zunächst einmal aus Ihrer Perspektive als kommunale Katastrophenschutzbehörde: Welche Aufgaben lassen sich auf lokaler Ebene eigenständig bewältigen und wo stoßen Kommunen an ihre Grenzen? 

Christoph Bahlmann: Als Landeshauptstadt sind wir es in Hannover gewohnt, auf die vielfältigen Gefahrenlagen einer Großstadt wirkungsvoll zu reagieren. Auch verfügen wir über ein schlagkräftiges Netzwerk aus kommunalen Stellen, Hilfsorganisationen und der Polizei, die im Einsatzfall Hand in Hand arbeiten. Unsere Grenzen erreichen wir, wenn multiple Bedrohungslagen aufeinandertreffen. Hier kann die Bedrohung durch hybride Angriffe genannt werden, die das Ziel haben, die Grundlagen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, wie z.B. die Versorgung der Bevölkerung mit Energie und lebensnotwendigen Waren zu stören. Die Landeshauptstadt Hannover baut auch hier ihre Fähigkeiten weiter aus. So haben wir 2025 ein neues flächendeckendes Sirenenwarnnetz in Betrieb genommen.
Die Grenzen sind aber umso deutlicher zu spüren, wenn es an verbindlichen rechtlichen Anforderungen und Zuständigkeitsregelungen auf kommunaler, Landes- und Bundes-Ebene fehlt. Zudem merken wir, dass Konzepte des Bevölkerungsschutzes aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht immer in ausreichendem Maße umgesetzt werden können. Hier brauchen wir eine noch intensivere Vernetzung zwischen zivilen und hoheitlichen Stellen von der kommunalen Ebene bis rauf zur Landes- und Bundesebene. Und vor allem braucht es einer stärkeren finanziellen Unterstützung der kommunalen Haushalte durch den Bund und die Länder.

Wie fließt der Oplan Deutschland in Ihre Konzeptionen ein? Er hat ja gleichzeitig eine militärische und zivile Seite, d.h. wir sprechen hier über die Vorbereitung auf einen wie auch immer aussehenden Ernstfall im Rahmen einer Gesamtverteidigung? 

Christoph Bahlmann: Der Operationsplan Deutschland ist zunächst mal eine militärische Planung der Bundeswehr und unterliegt demnach den Anforderungen des Geheimschutzes. An den Stellen, an denen im Sinne der zivilmilitärischen Zusammenarbeit Unterstützungsleistungen durch die zivil-hoheitliche oder zivil-gewerbliche Stellen erforderlich ist, findet nach und nach eine gezielte Ansprache durch die Bundeswehr statt. In diesen Fällen werden die zivilen Planungen mit den Anforderungen der Bundeswehr abgestimmt. 

Mit welchen Szenarien setzten Sie sich diesbezüglich auseinander? 

Christoph Bahlmann: Es geht z.B. um die Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung und die Aufrechterhaltung der Funktionen der Stadtverwaltung Hannover. Daneben bereiten wir uns auf Lagen vor, in denen die Versorgung der Bevölkerung mit Gas, elektrischer Energie oder Trinkwasser gestört ist.
Ein weiteres Feld ist die Sicherstellung der stationären medizinischen Versorgung im Verteidigungsfall. In einem Runden Tisch mit Krankenhausbetreibern, dem öffentlichen Gesundheitsdienst und der ministeriellen Ebene haben wir zwölf Handlungsfelder zur Krisenvorsorge von Krankenhäusern im Verteidigungsfall identifiziert. Die Anforderungen an Krankenhäuser gehen dann weit über die üblichen Themen der Krankenhausalarmplanung hinaus.

Könnten Sie uns einmal die Struktur des Krisenmanagements skizzieren? Welche Stabsstrukturen werden im Ernstfall aktiviert, wie erfolgt die Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren? 

Christoph Bahlmann: Das Krisenmanagement der Landeshauptstadt Hannover befasst sich aktuell mit der Identifizierung von Prozessen und Leistungen der Stadtverwaltung Hannover, die im Krisenfall zu jeder Zeit aufrechterhalten werden müssen. In weiteren Schritten ist die Resilienz dieser Prozesse zu verbessern. Für kritische Prozesse müssen in vielen Teilen der Verwaltung Notfallpläne erstellt werden. Daneben werden auch die Tätigkeiten erfasst, die in einem Krisenfall nicht notwendig sind. An dieser Stelle können personelle und technische Ressourcen für die Krisenbewältigung freigesetzt werden.
Auf den Eintritt eines Krisenfalls reagiert die Landeshauptstadt Hannover durch Einrichtung eines Verwaltungsstabes in dem die Lage aus organisatorisch-administrativer Sicht gesteuert wird. Der Verwaltungsstab trifft übergeordnete Entscheidungen und steuert die Arbeit der Stadtverwaltung in der Krise. Die operativ-taktische Lenkung der Gefahrenabwehr erfolgt im Führungsstab. Beide Stäbe können abhängig von Art und Umfang des Ereignisses gemeinsam oder getrennt eingesetzt werden. In beiden Stäben werden Fachberater und Verbindungspersonen relevanter externer Stellen einbezogen.

Lassen Sie uns das Grundszenario „Stromausfall“ einmal durchspielen – dazu kann es ja aus verschiedenen Gründen kommen. Welche Maßnahmen haben Sie für so einen Fall in der Schublade? 

Christoph Bahlmann: Im Falle eines großflächigen und länger andauernden Stromausfalls werden mehrere Einsatzkonzepte parallel aktiviert. Neben dem Aufruf der beschriebenen Stabsstrukturen ist es wichtig, die Versorgung mit Kraftstoff für Netzersatzanlagen wichtiger Objekte und Fahrzeuge von Feuerwehr, Hilfsorganisationen und Polizei sicher zu stellen. Besondere Bedeutung hat für uns die Information der Bevölkerung. Wir müssen davon ausgehen, dass die etablierten Informationskanäle nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir werden daher mit sogenannten Notfallinformationspunkten in die Fläche gehen und als Stadtverwaltung und damit auch wir als Feuerwehr zusammen mit der Polizei Präsenz in allen Teilen der Stadt zeigen und so ansprechbar sein und den Menschen Sicherheit vermitteln. 

Ein eigenes Szenario, das aber auch Folge eines längeren Stromausfalls sein kann, wäre das Ausfallen des Mobilfunknetzes. Welche Konzepte gibt es hier? 

Christoph Bahlmann: Die Landeshauptstadt Hannover wird Notfallinformationspunkte (NIP) über das gesamte Stadtgebiet verteilt einrichten. Sie dienen der Bevölkerung als Anlaufstelle um Hilfeersuchen wie Notrufe in Präsenz abzusetzen und um sich über die Lage zu informieren. Die Notfallinformationspunkte bestehen im Wesentlichen aus einem Pavillonzelt, Stromerzeuger, Beleuchtungsmaterial und Kommunikationsmitteln. Sie werden an 43 vorgeplanten Orten im Stadtgebiet eingerichtet. Es wurden die Orte ausgewählt, die von den Bürgern intuitiv aufgesucht werden, weil sie an diesen Stellen Hilfe erwarten. Dazu gehören zum Beispiel die Feuerwehrhäuser unserer 17 Ortsfeuerwehren, Rettungswachen oder das Neue Rathaus sowie einige Bürgerämter. Wir sind dadurch präsent in der Fläche und zeigen den Betroffenen, dass wir auch in der Krise vor Ort und handlungsfähig sind. 

Ein weiteres Metathema des Katastrophenschutzes hängt mit dem Klimawandel zusammen. Hier geht es beispielsweise um starke Hitze in der Stadt oder um Hochwasser und Starkregen. Wie werden im von der Leine durchflossenen Hannover die Konzepte diesbezüglich angepasst – und welche Rolle spielt hier die Feuerwehr? 

Christoph Bahlmann: Die Landeshauptstadt Hannover hat in den maßgeblichen Fachbereichen der Verwaltung zentrale Stellen für die Koordination der Vorbereitungen auf Starkregenereignisse, Hitzewellen und Hochwasser eingerichtet. Beispielsweise wird aktuell das für das hannoversche Stadtgebiet bestehende Hochwasserschutzkonzept an die neuen Anforderungen angepasst. Das Konzept beschreibt, wo die bereits vorhandenen baulichen Hochwasserschutzmaßnahmen ausgebaut werden müssen. An Stellen, an denen dies nicht möglich ist, werden halbstationäre oder mobile Hochwasserschutzmaßnahmen vorbereit, die im Ereignisfall kurzfristig durch ausgewählte Fachbereiche der Stadtverwaltung errichtet werden müssen. Veränderungen am Hochwasserschutz haben aber nicht nur Auswirkungen auf unser Stadtgebiet, sondern auch auf die uns umgebenden Leineanrainer. Als Teil der überregionalen Hochwasserpartnerschaft mittleres und unteres Leinetal ist es unser Ziel, die Maßnahmen des Hochwasserschutzes mit unseren benachbarten Kommunen an der Leine abzustimmen. Wir verfügen schon heute über ein umfangreiches Maßnahmenkompendium, das für verschiedene Pegelstände der Leine dezidierte Maßnahmen beschreibt, die im Ereignisfall abgearbeitet werden können und dem Führungsstab als Planungs- und Handlungshilfe dienen.

Zum Abschluss: Was wird Ihre Arbeit bei der Feuerwehr Hannover in nächster Zeit vor allem prägen? 

Christoph Bahlmann: Zunächst freuen wir uns auf die Weltleitmesse Interschutz auf unserem Messegelände in Hannover in der ersten Juniwoche. Hier fühlen wir uns als Feuerwehr Hannover traditionsgemäß als (Mit-)Gastgeber - insofern fließt in unseren Messestand in der Halle 12 ganz viel Herzblut. Danach werden wir uns mit der technischen Fortentwicklung unserer Leitstelle intensiv befassen, gleiches gilt für organisatorische Aspekte unserer Notfallrettung.
Ein wichtiges Thema in Niedersachsen und auch für uns ist z.B. die Einführung der Telenotfallmedizin. Schwerpunktmäßig im nächsten Jahr wollen wir für die Landeshauptstadt Hannover eine Feuerwehr- und Katastrophenschutzbedarfsplanung durchführen. Dieses Thema ist mir besonders wichtig, um für die mittel- und langfristige Fortentwicklung der Feuerwehr eine solide Basis in eher schwierigen Zeiten zu bekommen. Zudem denke ich immer an unser „Team F“ – Team Feuerwehr Hannover: Nur wenn es gelingt, möglichst viele Mitarbeitende für ihre Feuerwehr wirklich zu begeistern, werden wir uns als Feuerwehr Hannover auch langfristig erfolgreich weiter entwickeln können. Dazu gehört für mich auch immer eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unserer Personal- und Jugend- und Auszubildenden-Vertretung.  

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