Grüner Bunker Hamburg: Intelligente Videoüberwachung und Personenzählung für ein sicheres, modernes Stadtgarten-Konzept“
Hamburg hat eine neue Attraktion – den grünen Bunker. Auf den ehemaligen Flak-Bunker wurden sechs Ebenen aufgestockt – mit Hotel, Veranstaltungshalle, Büroräumen, Gastronomie und Geschäften sowie einem Stadtgarten auf dem Dach. Dorthin führt ein „Bergpfad“, wo sich dem Besucher ein Rundblick über Hamburg eröffnet. Die Planungsarbeiten zur Sicherheitstechnik übernahm das Planungsbüro Nolle in Berlin. Dessen Leiter, Mario Nolle, plante und koordinierte alle Arbeiten. Die Firma B.I.N.S.S. in Berlin führte die Arbeiten zur Errichtung der sicherheitstechnischen Anlagen aus. Als Projektleiter dort war Dennis Klinghardt verantwortlich. GIT SICHERHEIT sprach mit den beiden Experten über die Planung und Errichtung der sicherheitstechnischen Anlagen beim Grünen Bunker.


GIT SICHERHEIT: Herr Nolle, so eine Planungsaufgabe wie für den Grünen Bunker in Hamburg bekommt man nicht alle Tage. Wie sind Sie das Projekt angegangen?
Mario Nolle: Die Sicherheitstechnik, insbesondere die Systeme zur Personenzählung und Videoüberwachung, ist für ein solches Bauwerk in der Tat sehr anspruchsvoll. Es kommen hier mehrere Anforderungen zusammen, die üblicherweise nicht Gegenstand solcher Planungsarbeiten sind. Um eine klare Aufgabenstellung abzustimmen, wurde ein Lastenheft erstellt, das alle sicherheitsrelevanten Vorgaben und Aufgaben beinhaltete. Für das Verständnis aller am Bau Beteiligten ist so ein Lastenheft außerordentlich wichtig. Es liefert allen die gleiche Ausgangsbasis und Grundlage für die Bewertung der abzurechnenden Leistungen.
Welche speziellen Bedingungen mussten berücksichtigt werden?
Mario Nolle: Der Bergpfad ist im Gefahrenfall gemeinsam mit dem Treppenhaus auf der Ostseite Fluchtweg von oben nach unten. Das ist ein Schwerpunkt der Sicherheitsmaßnahmen. Da in den Bauauflagen festgelegt ist, wie viele Personen sich gleichzeitig maximal auf dem Bergpfad, den Aufbauten und dem Stadtgarten aufhalten dürfen, ist es erforderlich, sowohl Besucher als auch das vor Ort tätige Personal zu zählen. Dies geschieht mit einer videobasierten Zähltechnik im Bereich der Drehkreuze zu Beginn des Bergpfades, über den Bergpfad verteilt, auf dem Stadtgarten, jeweils den Zugängen zum Hotel sowie im Bereich der Zu- und Abgänge für die Aufzüge.
Bei Überschreitung der zulässigen Personenanzahl wird der Zugang automatisch gesperrt. Die Zählstellen auf dem Bergpfad sollen im Fall einer Verdichtung des Personenstromes nach oben oder unten informieren. Über Lautsprecherdurchsagen kann in diesem Fall darauf hingewiesen werden, dass der Fluchtweg freizuhalten ist. Zur Information einlassbegehrender Besucher stehen entsprechende Monitore zur Verfügung. Gleichzeitig ist im Fluchtfall zu gewährleisten, dass die für den Fluchtweg vorgesehenen Tore im Drehkreuzbereich geöffnet werden.
Welche Besonderheiten waren für die Videoüberwachungstechnik insgesamt zu berücksichtigen?
Mario Nolle: Das Gebäude ist kein Hochsicherheitsbereich. Anfangs hatte der Bauherr Bedenken bezüglich des Umfangs der Videoüberwachung. Auch aus architektonischer Sicht ergaben sich Einwände. Eine Einigung wurde jedoch erreicht und alle Anforderungen sind in das Pflichtenheft eingeflossen. Die Videoüberwachungstechnik konzentriert sich neben den Anforderungen, die sich aus dem Hotelbetrieb, der Gastronomie und den Verkaufseinrichtungen ergeben, auf die Außenanlagen mit Schwerpunkt Bergpfad und Stadtgarten. Hier ging es im Detail um das Maß der Präsenz der Videoüberwachung für die Besucher, um bauliche Gegebenheiten und die Form der Kameras. Gemäß Datenschutzgrundverordnung werden alle Besucher über das Vorhandensein der Videoüberwachung informiert.
Zur Zeit der Planung für die Videoüberwachungsanlage gab es nur wenig detaillierte Vorstellungen von der Begrünung des Bunkers. Bezüglich der Kamerastandorte ist es natürlich von großer Bedeutung, ob nach der Bepflanzung noch die erforderliche freie Sicht der Kameras gewährleistet ist. Im Laufe der Bauarbeiten war es nötig, Kamerastandorte und Begrünung in „Koexistenz“ zu bringen. Es konnte zum Beispiel passieren, dass plötzlich ein großer Apfelbaum vor der Kamera eingepflanzt wurde. Ein Kompromiss musste mit allen Beteiligten gefunden werden. Auch künftig ist das regelmäßige Beschneiden der Pflanzen in Kameranähe unabdingbar.
Welche Kameratypen sind eingesetzt?
Mario Nolle: Als Fixkameras werden überwiegend Bulletkameras mit Varioobjektiven unterschiedlicher Brennweitenbereiche genutzt, was das genaue Einstellen auf den jeweiligen Beobachtungsbereich ermöglicht. An vor Witterungseinflüssen geschützten Orten wie unterhalb der Aufzugsübergänge in das Gebäude sind Fixdomekameras in Deckenmontage eingesetzt.
Um eine allzu starke Anhäufung von Kameras an den Gebäudeecken zu vermeiden, haben wir dort Multiheadkameras mit drei separaten Kameras eingesetzt, die jede für sich ausgerichtet werden kann. Auch Speed-Domekameras wurden erwogen. Wegen deren beweglichen Kameras und Motor-Zoomobjektiven können Details von Ereignisorten abgebildet werden, was mit Fixkameras nicht möglich ist. Ein wesentlicher Nachteil dieses Kameratyps ist jedoch, dass diese in der Ausgangsposition nur einen der drei gewünschten Überwachungsbereiche überblicken können. Selbst bei automatischen „Rundgängen“ der Kamera, bleiben die jeweils abgewandten Bereiche für eine definierte Zeit unbeobachtet. Zur manuellen Bedienung der Speed-Domekamera braucht man auch Personal. Letztendlich entschied man sich also für die Multiheadkameras.
Was geschieht mit den Videobildern?
Mario Nolle: Sie werden von einem Videomanagementsystem verwaltet. Sie können als Livebilder auf Monitore aufgeschaltet und im System gespeichert werden. Damit wird es möglich, Bilder von Ereignissen auch im Nachhinein auszuwerten. Die gespeicherten Bilder sind nur in einem gemäß Datenschutz zulässigen Zeitraum verfügbar und werden danach gelöscht. Zur Dokumentation von Ereignisbildern können diese auf externe Speichermedien ausgelagert werden. So ist gesichert, dass diese für Beweise und Untersuchungen von Polizei und Gerichten verfügbar sind. Selbstredend ist der Zugriff sowohl auf Livebilder als auch gespeicherte Bilder nur autorisiertem Personal vorbehalten.
Das Videoüberwachungssystem kann weitestgehend autark arbeiten. Bei Erkennen sicherheitsrelevanter Ereignisse kann zielgerichtet nach den dazugehörigen Bildern gesucht werden. Die Suche wird durch zahlreich zu wählende Suchparameter unterstützt. Bei einer ereignisgesteuerten Aufzeichnung von Bildern stehen diese separat für jedes Ereignis zu Verfügung.




Herr Klinghardt, auch für Sie als Projektleiter war die Aufgabe sicher eine Herausforderung?
Dennis Klinghardt: Die Firma B.I.N.N.S. hat schon zahlreiche äußerst komplexe sicherheitstechnische Anlagen mit hohen Sicherheitsanforderungen errichtet. Insofern war die Aufgabe nicht vollständig neu für uns. Wegen des einzigartigen Charakters des Baus sowie des allgemeinen Interesses an ihm war es eine Herausforderung für alle Beteiligten. Da auch während der Corona-Zeit gebaut werden musste, gab es nicht nur technische Herausforderungen sondern auch logistische. Aus heutiger Sicht können wir jedoch konstatieren, dass wir unseren Aufgaben gerecht geworden sind.
Können Sie einige dieser spezifischen Aufgaben näher erläutern?
Dennis Klinghardt: Der Bergpfad, der Schwerpunkt der Videoüberwachung ist, wurde als eine der letzten Baumaßnahmen errichtet. Damit verzögerte sich natürlich auch die Montage der Kameras. Um Zeit und Klarheit zu gewinnen, haben wir an den potentiellen Kamerastandorten Testbilder erstellt und diese in einem provisorischen Kameraregister dokumentiert. Dadurch wurde Sicherheit gewonnen, dass die ausgewählten Standorte genutzt werden können. Das war wichtig, da die Kabel für das Netzwerk und die Anbindung der Kameras lange vor deren Montage verlegt werden mussten. Der gewählte Weg hat sich als richtig erwiesen, da nur wenige der Kabel nachträglich noch einmal rangiert wurden.
Das Netzwerk wurde als Loop auf Basis von Singlemode-LWL gestaltet. Das ermöglicht, die Bilder zusätzlicher Kameras oder solche mit künftig höherer Auflösung ohne Änderungen an diesem zu übertragen. Alle Kameras sind mittels PoE mit entsprechenden Switches verbunden. Die Anforderungen an maximale Kabellängen sind nicht trivial, wenn der endgültige Kamerastandort weiter entfernt ist als der geplante. Letztendlich konnten die Positionen der Switches auf unterster Ebene so gewählt werden, dass alle maximalen Kabellängen eingehalten werden konnten.
Neben der Sicherheit des Alt- und Neubaus entstanden auch Forderungen des Hotels, der Gastronomie und Verkaufseinrichtungen hinsichtlich des Einsatzes von Videoüberwachungstechnik. Da hier viele Interessen unter einen Hut gebracht werden mussten, war die Aufgabe recht komplex. So gibt es Kameras, deren Bilder sowohl für die Mieter als auch für die allgemeine Sicherheit des Objektes wichtig sind. Entsprechende Unterbereiche im Videomanagementsystem wurden eingerichtet und die Zugriffsberechtigungen für die jeweiligen Bilder abgestimmt.
Herr Klinghardt, es ist anzunehmen, dass während der Nutzung weitere Anforderungen an die Videoüberwachung entstehen. Ist die Anlage darauf vorbereitet?
Dennis Klinghardt: Auch umfangreichere Erweiterungen sind möglich. In einem Vorbereich der Gastronomie gab es jüngst z.B. ein sicherheitsrelevantes Ereignis. Die dort befindliche Kamera hat die Treppe des Bergpfades im Fokus und den Eingang zum Restaurant nur am Rand im Blick. Die Möglichkeit, eine Kamera mit erweitertem Blickwinkel einzusetzen, wurde verworfen, sieht diese die jeweiligen Bereiche nur mit geringerer Auflösung. Zusätzliche Kameras erfordern neue Verbindungkabel, was im Nachhinein mit hohem Aufwand verbunden wäre. Wir haben uns entschieden, anstelle der Bulletkameras eine Multiheadkamera zu nutzen. Damit konnten die jeweiligen sicherheitsrelevanten Bereiche voll erfasst werden. Ich gehe davon aus, dass auch künftige Anforderungen, die sich aus dem täglichen Betrieb und neuen Bedingungen für die Nutzung des Objektes mit dem vorhandenen Videoüberwachungs-system umsetzen lassen.
Herr Nolle, Herr Klinghardt würden Sie eine solche Aufgabe wie die am Grünen Bunker in Hamburg noch einmal übernehmen?
Dennis Klinghardt: Trotz aller Schwierigkeiten, die es in der Bauphase gab, sehr gern. Wir haben nicht nur ein Sicherheitssystem errichtet, das den Anforderungen in der ersten Phase der Nutzung des Bunkers gerecht geworden ist, sondern auch sehr viel wertvolle Erfahrungen für künftige Aufgaben gewonnen.
Business Partner
B.I.N.S.S. Datennetze und Gefahrenmeldesysteme Berlin GmbHSaaler Bogen 2
13088 Berlin
Deutschland
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