Museumsicherheit: Wie moderne Technologien und ganzheitliche Schutzkonzepte Kulturgüter vor neuen Bedrohungen schützen
Museen stehen im Spannungsfeld zwischen öffentlichem Auftrag und Sicherheitsanforderungen. Mit über 6.800 Häusern in Deutschland, rund 800 in Österreich und mehr als 1.100 in der Schweiz stellt sich die Frage, wie gut Kulturgüter tatsächlich geschützt sind. Moderne Technologien wie KI-gestützte Videoüberwachung können unterstützen, ersetzen aber nicht die menschliche Wachsamkeit. Der Kulturgüterschutz muss heute umfassender gedacht werden – von Einbruch und Raub über Naturkatastrophen bis hin zu Konflikten, die Museen und ihre Sammlungen in Europa direkt betreffen. GIT SICHERHEIT sprach mit Simone Schön, Referentin für Museale Sicherheit und Notfallprävention an der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern.

Frau Schön, in Deutschland gibt es heute mehr als 6800 Museen, in Österreich etwa 800 und in der Schweiz mehr als 1100 – das umfasst zumindest die Häuser, die den internationalen Standards des International Council of Museums entsprechen. Wie schätzen sie den sicherheitstechnischen Standard dieser Einrichtungen derzeit ein?
Simone Schön: Der Standard ist unterschiedlich und immer abhängig von den Möglichkeiten der Häuser und deren Sammlung. Hier spielen Faktoren wir monetäre Werte als auch emotionale Werte eine Rolle, die die Grundlage für ein Schutzkonzept darstellen. Was die bayerischen Häuser betrifft, ist der Sicherheitsstandard etwas, das immer hinterfragt werden sollte. Es passiert sehr leicht, die Gefahren durch das Gefühl von Scheinsicherheit zu unterschätzen.
Sehen Sie häufig eine größere Distanz zwischen dem Stand der Technik und dem tatsächlichen Sicherheitsniveau in den Museen?
Simone Schön: Ein Museum hat einen öffentlichen Auftrag. Das bedeutet, dass diese Gebäude immer in einem Spannungsverhältnis stehen. Dem Besucher soll das Exponat so nah wie möglich gebracht werden. Hier kommt es bei einem Einsatz von Vitrinen schon zu Diskussionen. Ebenso sollen diese Gebäude und Bauteile eine höchstmögliche Sicherheit des Exponats garantieren. Jetzt stellen Sie sich noch vor, dass das Gebäude des Museums denkmalgeschützt ist. Somit gibt es Ansprüche von vielen Seiten, unter denen ein Schutzkonzept ganzheitlich zu gestalten ist. Dabei tun Museen und Träger, was in deren Macht steht. Doch dieser Macht sind finanzielle und personelle Grenzen gesetzt.
Was sind typische Schwachstellen?
Simone Schön: Wenn es eine Schwachstelle gibt, dann die, dass die Museen finanzielle und personelle Unterstützung benötigen, um ein Sicherheitskonzept am Leben zu halten und regelmäßig hinterfragen und upgraden zu können. Es darf nicht nur eine einmalige Investition sein. Es muss immer als Teil von Museumsarbeit verstanden werden, sei es von den Trägern, den Museen und auch dem Staat.
Wie sieht es mit Gefahren von innen aus, also mit Blick auf das eigene Personal?
Simone Schön: Wie die Vergangenheit zeigt, gab es auch hier einige Vorfälle. Innentäter sind für Museen ein Thema. Das ist sehr unangenehm zu hören und im Team zu bearbeiten.
Interne Kontrollen können auch zum Schutz der Mitarbeiter beitragen, wenn es einen Vorfall gab, kann im Zweifel durch Dokumentation und Zutrittsberechtigungen ein bestimmter Kreis an Mitarbeitern schneller ausgeschlossen werden. Dies lässt sich bereits mit einfachen Routinen und Kontrollen erreichen. Es darf dabei aber nicht zu einem Überwachungskonzept für Mitarbeiter werden. Das stört erheblich die Atmosphäre.
Es fand ja kürzlich ausgerechnet in einem der sicher wichtigsten und prestigeträchtigsten Museen der Welt, dem Louvre in Paris, ein spektakulärer und gleichzeitig recht simpel aufgezogener Raub statt. Was ist Ihre Meinung zu diesem Vorfall?
Simone Schön: Simple war die Tat nicht. Aus anderen Fällen wissen wir, dass die Vorbereitungen der Täter teilweise Jahre dauern können. Das macht es für Museumsaufsichten und Mitarbeiter auch so komplex, weil man jeden Tag sein Umfeld und die Besucher aufmerksam wahrnehmen muss und prüfen sollte, ob es Auffälligkeiten gibt.
Wir sehen zudem ganz eindeutig, dass sich das Tatverhalten drastisch verändert hat. Gerade in dem Bereich von Edelmetallen und Edelsteinen, geht es nicht mehr um den kunsthistorischen oder ideellen Wert eines Exponates. Hier steht der monetäre Wert absolut im Vordergrund. Dafür wird in Teilen auch Sprengstoff eingesetzt bis hin zu Waffengewallt und Geiselnahmen. Es gibt einen Punkt, ab dem kann ein Museum nichts mehr unternehmen ohne die Unterstützung des Staates.
Wie reagiert die Fachwelt, also vor allem Fachleute für Museen speziell im Bereich Kulturschutz auf den Fall?
Simone Schön: Die Fachleute wissen genau was zu unternehmen ist und sind an der Umsetzung von Lösungen bemüht. An einem Schutzkonzept sind mehrere Instanzen beteiligt, die alle zusammenarbeiten. Dies ist manchmal nicht ganz einfach. Zudem hat jedes Bauteil auch seine Grenzen des Möglichen. Ein Museum wird immer ein Teil der Öffentlichkeit bleiben, somit auch immer Begehrlichkeiten wecken. Die Sammlungen wegzusperren und der Öffentlichkeit gänzlich vorzuenthalten, ist bislang keine Option, aber eine stark diskutierte.
Wenn wir aus dem großen Bereich der Sicherheitstechnik vor allem auf die Security schauen, und dabei auf Alarmsysteme, Videoüberwachung, etc.: Welche technologischen Entwicklungen verdienen aus Sicht der Museumssicherheit derzeit besonderes Augenmerk?
Simone Schön: Ich denke, dass solche Technologien eine sehr gute Ergänzung sein können. Ein Schutzkonzept steht auf unterschiedlichen Säulen. Sicherlich sind ein gutes Kamerasystem mit KI, Gangbildanalyse und Bildauswertung super Techniken. Dennoch benötigt es weiterhin auch Menschen hinter den Systemen, die die Bilder be- und auswerten.
Was halten Sie derzeit insgesamt für das Dringlichste, wenn wir von der Stärkung des Kulturgüterschutzes in Europa sprechen?
Simone Schön: Ich denke, dass in den letzten Monaten sehr stark der Kulturgüterschutz im Falle eines bewaffneten Konflikts in den Fokus gerückt ist. Durch Beispiele aus der Ukraine, lernen wir gerade nochmal was Kulturgutschutz unter diesen Bedingungen bedeutet. Die Szenarien sind nicht neu, dennoch waren sie in den letzten Jahrzenten kein Thema für deutsche Museen. Auch Fälle wie die Ahrtalflut oder der Einsturz des Kölner Archives sind Ereignisse, welche die Notwendigkeit eines funktionierenden Kulturgutschutzes auf dramatische Weise unterstrichen haben. All das sind Themen, die zum Alltagsgeschäft Sicherheit im Museum noch hinzukommen. Die Lage für Kulturgut hat sich also in vielen Bereichen sehr stark verändert, in dem das die Bedrohungen konkreter geworden sind. Sei es durch Einbrüche und Raubvorfälle, die Veränderungen durch das Klima, als auch die geopolitischen Spannungen.





















