26.10.2026 • Topstory

KRITIS und Blackout: Wie Kommunen und Betreiber resilienter werden

KRITIS, Blackout, Resilienz. Wie Kommunen und Betreiber krisenfest werden
Widerstandsfähigkeit digitalisierter Gesellschaften und kommunaler Strukturen gehört zu den zentralen Themen von Prof. Dr. Michèle Knodt. Sie ist u.a. Direktorin von Digital Resilience Xchange (DiReX), das sich als zentrales Anwendungs- und Transferzentrum an der TU Darmstadt versteht. Dort stehen auch Kritische Infrastrukturen im Fokus. GIT SICHERHEIT hat mit ihr gesprochen.

Litfaßsäule vor Gründerzeitfassaden
Wie erreicht man die Bevölkerung, wenn die Kommunikation über Mobilfunk, Internet oder Fernsehen ausfällt? Die Litfaßsäule 4.0 ist eine energieautarke Warnsäule, die durch Photovoltaik und Brennstoffzelle auch bei einem langanhaltenden Stromausfall Menschen in städtischen Wohnquartieren informieren kann. Der Prototyp steht seit 2025 auf dem Riegerplatz in Darmstadt
© emergenCITY/Sascha Mannel, DiReX/Klaus Mai
Frau mit Brille, schwarz-weißem Kostüm und Kette
Prof. Dr. Michèle Knodt, Professorin an der TU Darmstadt und u.a. Direktorin von Digital Resilience Xchange (DiReX)
© Michèle Knodt

GIT SICHERHEIT: Frau Prof. Dr. Knodt, wo sehen Sie derzeit in Deutschland die größten Schwachstellen, was die Sicherheit kritischer Infrastrukturen betrifft?

Michèle Knodt: Die jüngsten Angriffe auf Umspannungsanlagen zeigen, dass wir auf gezielte Angriffe gegen unsere Kritischen Infrastrukturen noch nicht ausreichend vorbereitet sind. Unsere Vorsorge beruhte lange auf der Annahme, dass beim Ausfall einer Anlage eine zweite, redundante Struktur einspringt. Wir müssen aber auch mit Tätern rechnen, die solche Redundanzen gezielt angreifen. Auf diese kriminelle Energie sind viele Sicherheitskonzepte noch nicht ausgelegt. Deshalb brauchen wir einen stärkeren Fokus auf Resilienz und insbesondere auf die schnelle Wiederherstellung der Versorgung.

Welche Rolle spielt Ihr Zentrum bei der Erforschung und Lösung der damit zusammenhängenden Problemkreise?

Michèle Knodt: DiReX bringt Forschung aus dem LOEWE-Zentrum emergenCITY in die Anwendung. Dafür arbeiten wir eng mit Kommunen, Hilfsorganisationen, Betreibern Kritischer Infrastrukturen und Unternehmen zusammen. Sie wissen, welche Schwierigkeiten im Krisenfall vor Ort entstehen und was eine Lösung im Alltag leisten muss. Diese Erfahrungen fließen in die Weiterentwicklung und Erprobung unserer Ansätze ein. Dabei geht es auch um Zuständigkeiten und Zusammenarbeit: Wer betreibt eine Lösung, wer stellt Informationen bereit und wie erreichen sie die Menschen? Ein Beispiel ist die in emergenCITY entwickelte und von DiReX weiterentwickelte Litfaßsäule 4.0. Sie kann die Bevölkerung im öffentlichen Raum auch dann noch informieren, wenn Strom, Mobilfunk und Internet ausfallen. Photovoltaik und eine Methanol-Brennstoffzelle versorgen sie bei Stromausfall bis zu 72 Stunden lang mit Energie. Die Feuerwehr kann sie direkt über ihren Funk ansteuern und Warnungen auf den LED-Anzeigen ausgeben – auch wenn Mobilfunk und Internet ausgefallen sind.

Nehmen wir einmal das Szenario des großflächigen Stromausfalls. Sind Deutschland, seine Kommunen und Unternehmen auf längere Blackouts vorbereitet? Was funktioniert aus Ihrer Sicht bereits und was nicht?

Michèle Knodt: Die Stromversorgung in Deutschland ist sehr zuverlässig. Auf einen mehrtägigen Ausfall sind wir aber nur teilweise vorbereitet. Es gibt Notfallpläne, Notstromversorgung für wichtige Einrichtungen und Planungen für Anlaufstellen der Bevölkerung. Doch Notstrom braucht Treibstoff und Personal. Wenn zugleich Mobilfunk und Internet ausfallen, müssen Kommunen die Menschen auf anderen Wegen informieren und ihre Einsatzkräfte koordinieren können. Unternehmen müssen wissen, wie lange sie ohne Strom und digitale Systeme arbeitsfähig bleiben. Diese Abhängigkeiten werden noch zu selten gemeinsam geübt. Darauf müssen wir unsere Vorbereitung stärker ausrichten.

Sie betonen, dass ein vollständiger Schutz von KRITIS nicht machbar ist – allerdings müsse Resilienz angestrebt werden. Wie ist hier Ihr Ansatz? Wie sähe das etwa für einen Krankenhausbetreiber oder einen Energieversorger aus?

Michèle Knodt: Nach dem Anschlag auf die Berliner Kabelbrücke Anfang 2026 und den jüngsten Angriffen auf Umspannwerke hören wir häufig dieselben Vorschläge: weniger Netzdaten veröffentlichen, höhere Zäune bauen, mehr Kameras installieren. Solche Maßnahmen können sinnvoll sein, stoßen bei gezielten Anschlägen aber an Grenzen. Leitungen und Umspannwerke sind vielerorts schon im Gelände sichtbar. Ein Zaun schützt zudem nicht den Luftraum über einer Anlage, und eine Kamera kann einen Angriff aufzeichnen, ihn aber nicht allein verhindern. Bei fast zwei Millionen Kilometern Stromleitungen und Tausenden Umspannwerken ist ein vollständiger Schutz unmöglich. Resilienz bedeutet hier vor allem, die Stromversorgung nach einem Angriff möglichst schnell wiederherzustellen. Dafür sind drei Dinge entscheidend: Reparaturteams, die sofort einsatzfähig sind, bevorratete Ersatzteile und stärker standardisierte Komponenten, damit beschädigte Teile rasch ausgetauscht werden können.

Nun kann ja gerade die zunehmende Digitalisierung schnell zum Sicherheitsrisiko werden. Und Störungen in verschiedenen Bereichen können sich umso stärker gegenseitig verstärken. Auch diesbezüglich wurde normativ nachjustiert. Wie sehen Sie die Lage – und was muss hier noch getan werden?

Michèle Knodt: Mit NIS-2 und dem KRITIS-Dachgesetz haben wir einen wichtigen rechtlichen Rahmen. Das Dachgesetz muss jetzt allerdings durch Verordnungen und konkrete Vorgaben für die Betreiber unterfüttert werden. Dabei dürfen wir nicht nur auf die Sicherheit einzelner Anlagen schauen. Das zentrale Problem liegt für mich zwischen den Infrastrukturen: Jeder Betreiber kann seine eigenen Risiken analysieren und Vorsorge treffen. Damit ist noch nicht geklärt, was geschieht, wenn Strom, Kommunikation und Wasserversorgung gleichzeitig beeinträchtigt sind. Die Digitalisierung verstärkt genau diese Abhängigkeiten. Deshalb müssen wir über einzelne Betreiber hinausdenken: Wer erkennt eine drohende Kettenreaktion? Wer führt die Informationen zu einem gemeinsamen Lagebild zusammen? Und wer entscheidet bei knappen Ressourcen, welche Versorgung zuerst wiederhergestellt wird? Dafür brauchen Betreiber, Kommunen und Behörden verbindliche Verfahren und gemeinsame Übungen. Resilienz entsteht nicht dadurch, dass jeder für sich einen guten Plan hat, sondern dadurch, dass diese Pläne im Krisenfall zusammenpassen.

Müssen wir uns angesichts der Möglichkeit, dass Mobilfunk, Internet und digitale Warnsysteme gleichzeitig ausfallen, wieder stärker mit analogen und dezentralen Kommunikationswegen befassen?

Michèle Knodt: Ja, denn die verschiedenen Warnwege sind nicht vollständig unabhängig voneinander. Mit Cell Broadcast, Warn-Apps, Sirenen und Rundfunk haben wir heute einen breiten Warnmix. Fallen Strom und Kommunikationsnetze aus, können jedoch mehrere Kanäle zugleich betroffen sein. Eine zentral ausgelöste Warnung muss die Menschen vor Ort auch tatsächlich erreichen. Sirenen machen auf eine Gefahr aufmerksam. Wo Hilfe zu finden ist und was die Menschen tun sollen, müssen sie über andere Wege erfahren. Kommunen brauchen deshalb Möglichkeiten, auch während einer länger andauernden Krise Informationen weiterzugeben: über lokale Anlaufstellen, Lautsprecherfahrzeuge, batteriebetriebene Radios und öffentliche Informationspunkte. Die energieautarke Litfaßsäule 4.0 ist ein Beispiel dafür. Zugleich müssen Einsatzkräfte, Verwaltung und Betreiber weiter miteinander kommunizieren können. Wir erforschen daher, wie Funk, Satellitenverbindungen und Drohnen zeitweise ein eigenes Kommunikationsnetz bereitstellen können, wenn die gewohnten Netze ausfallen.

Frau Prof. Knodt, heute haben wir es mit hybriden Gefährdungsszenarien für KRITIS zu tun. Wie verändern sich diesbezüglich die Aufgaben der Betreiber? Sind wir mit dem KRITIS-Dachgesetz z.B. auf dem richtigen Weg?

Michèle Knodt: Hybride Angriffe können physische Sabotage, Cyberangriffe und Desinformation verbinden. Betreiber müssen Vorfälle deshalb früh erkennen, Informationen mit Behörden austauschen und die Versorgung auch unter erschwerten Bedingungen aufrechterhalten oder wiederherstellen. Das KRITIS-Dachgesetz ist dafür ein wichtiger Schritt, muss aber noch konkretisiert werden. Drohnen zeigen die offene Frage besonders deutlich: Um Drohnen zu erkennen, müssen Daten verschiedener Sensoren zusammengeführt werden. Danach bleiben oft nur wenige Minuten zur Einschätzung und dann zum Handeln, während die Landespolizei nicht an jeder Anlage vor Ort sein kann. Eine Möglichkeit wäre, qualifizierten Betreibern unter klaren gesetzlichen Bedingungen bestimmte Abwehrbefugnisse zu übertragen – eine sogenannte Beleihung. Wer im Ernstfall handeln darf, regelt das KRITIS-Dachgesetz nicht.

Sie leiten ja auch das Hessische Drohnenkompetenzzentrum – und Drohnen können einerseits die Bedrohung selbst sein, oder aber das Mittel zur Aufklärung solcher Bedrohungen. Welche Aufgaben hat das Zentrum genau?

Michèle Knodt: Das Zentrum verbindet vier Bereiche: Forschung und Transfer, Erprobung unter realen Bedingungen am Kassel Airport, Qualifizierung für den professionellen Einsatz und die Zusammenarbeit mit Unternehmen, Behörden und KRITIS-Betreibern. Dabei befassen wir uns sowohl mit dem sicheren Einsatz von Drohnen als auch mit ihrer Detektion und Abwehr.

Die Entwicklung und die Erfahrung mit Drohnen ist in der Ukraine ein zentrales Mittel, sich gegen den russischen Angriffskrieg zu wehren. Die Entwicklung geht insgesamt stark voran – über Beschaffungs- und Innovationszyklen hinweg. Wie kann Deutschland schneller zu einsatzfähigen Sicherheitslösungen kommen?

Michèle Knodt: Genau das ist das übergreifende Ziel des Hessischen Drohnenkompetenzzentrums: Wir wollen ein Innovationsökosystem schaffen, das mit der rasanten Entwicklung der Drohnentechnik Schritt hält. Eine Lösung, die heute einsatzfähig ist, kann morgen bereits auf neue Drohnentypen oder andere Steuerungsverfahren treffen. Deshalb müssen Forschung, Unternehmen, Sicherheitsbehörden und Betreiber dauerhaft zusammenarbeiten: Sie bringen ihre Erfahrungen ein, erproben neue Ansätze und entwickeln sie zügig weiter. Am Kassel Airport können wir Technologien unter realen Bedingungen testen und zugleich die späteren Anwender früh einbeziehen. Sie zeigen uns, was sie im Einsatz brauchen und wo eine Lösung an Grenzen stößt. Diese Erkenntnisse fließen unmittelbar in die nächste Entwicklungsrunde und in die Qualifizierung derjenigen ein, die mit der Technik arbeiten. So entsteht ein kontinuierlicher Weg von der Forschung über die Erprobung bis zur einsatzfähigen Anwendung.

Wie sehen Sie die zunehmend dringlich erscheinende Frage des Jammens oder des Abschusses von Drohnen?

Michèle Knodt: Jamming und Abschuss werden häufig aus der militärischen Drohnenabwehr in die Diskussion übertragen. Für den Schutz ziviler Kritischer Infrastrukturen halte ich beides nicht für eine allgemeine Lösung. Jamming kann auch andere Funk- und Navigationssysteme stören und ist nur bedingt einsetzbar. Bei autonom fliegenden Drohnen greift es womöglich gar nicht. Bei einem Abschuss müssen wir fragen, wo die Drohne und mögliche Trümmer oder eine gefährliche Ladung niedergehen. Über einem bewohnten Gebiet oder einer laufenden Anlage kann die Abwehr so selbst erhebliche Schäden verursachen. Für solche Einsatzorte erscheinen Netzabfangdrohnen vielversprechender. Sie können eine Drohne gezielt einfangen und im besten Fall kontrolliert aus dem Gefahrenbereich bringen. Auch das funktioniert nur, wenn die Drohne rechtzeitig erkannt wird, das System schnell genug eingreifen kann und der Einsatzort dafür geeignet ist.

Wenn Sie fünf oder zehn Jahre in die Zukunft schauen könnten: Wie müsste sich die Sicherheits- und Krisenvorsorge in Deutschland bis dahin verbessert haben?

Michèle Knodt: Eine resiliente Gesellschaft ist auf schwere Störungen vorbereitet und bleibt im Krisenfall handlungsfähig. Betreiber, Kommunen und Sicherheitsbehörden wissen, wie sie zusammenarbeiten, die Bevölkerung informieren und die Versorgung schnell wiederherstellen. Zugleich müssen wir neue Sicherheitslösungen schneller erproben und einsetzen können, um mit Bedrohungen wie Drohnen Schritt zu halten. Entscheidend ist, dass eine schwere Störung nicht zu einer langanhaltenden Versorgungskrise wird.

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