04.11.2026 • Topstory

Physische Credentials: Hybride Zutrittskonzepte für Sicherheit und Ausfallschutz

In der Diskussion über die Zukunft von Sicherheit und Identitätsmanagement taucht ein Argument immer wieder auf: Physische Ausweise und Zugangskarten würden langfristig durch digitale Identitäten ersetzt. Ganz so einfach ist es nicht, denn physische Credentials verschwinden nicht – sie entwickeln sich weiter. Das Tempo dieser Entwicklung entscheidet darüber, ob die physische Zutrittsinfrastruktur ein Sicherheitsgewinn oder ein Risiko ist. Ein Beitrag von Jaroslav Barton, Product Marketing Manager, Physical Access Control bei HID.

Hand mit Smartphone über einem Leser
Mobile Zutrittslösungen haben deutlich an Bedeutung gewonnen – aber physische Credentials bleiben in vielen Bereichen wichtig
© HID
Mann mit Brille, schwarzer Jacke und hellblauer Krawatte
Jaroslav Barton, Product Marketing Manager, Physical Access Control bei HID
© HID

Sind physische Credentials in Zukunft tatsächlich obsolet? Um diese Frage zu beantworten, lohnt sich ein Blick darauf, wie vermeintliche Alternativen aussehen könnten. Mobile Zutrittslösungen, bei denen ein digitaler Berechtigungsnachweis direkt auf ein Smartphone oder Wearable übertragen und per NFC oder Bluetooth genutzt wird, haben aufgrund ihrer zahlreichen Vorteile deutlich an Bedeutung gewonnen. Laut dem HID 2026 State of Security and Identity Report haben 74 Prozent der Unternehmen mobile Credentials bereits eingeführt oder planen, diesen Schritt zu gehen. Gleichzeitig zeigt die Studie: 84 Prozent der Nutzer verwenden weiterhin eine Kombination aus mobilen und physischen Credentials. Nur 8 Prozent erwarten, dass ihre Umgebung innerhalb der nächsten fünf Jahre vollständig mobil sein wird.

Das hybride Modell wird langfristig Bestand haben, insbesondere in Branchen, in denen ein einziger Ausfall des Zutrittssystems schwerwiegende Folgen haben kann. Voraussetzung dafür ist, physische und mobile Credentials nicht über zwei getrennte Prozesse zu verwalten, sondern über einen gemeinsamen Workflow auszustellen, zu aktualisieren und zu sperren. Plattformen wie HID Fargo Connect verfolgen genau diese Strategie, mit der sich beide Formate zentral über ein cloudbasiertes System verwalten und ausstellen lassen.

Im Gesundheitswesen ermöglicht ein gedrucktes Credential beispielsweise die unmittelbare visuelle Überprüfung von Identität und Funktion des medizinischen Personals. Fällt die digitale Infrastruktur in einem Notfall aus, kann sie zur entscheidenden Kontrollinstanz werden. Auch Behörden benötigen bei physischen Ausweisdokumenten und Zutrittsberechtigungen ein greifbares und überprüfbares Format, das sich unabhängig von einer digitalen Infrastruktur kontrollieren lässt. An Flughäfen, in Industrieanlagen und an Häfen wiederum wirkt der physische Berechtigungsnachweis als direkte Abschreckung gegen Betrug und Identitätsmissbrauch und schafft ein Maß an Sicherheit, das sich in stark frequentierten und sicherheitskritischen Umgebungen nicht ohne Weiteres durch rein digitale Systeme ersetzen lässt.

In all diesen Bereichen ist der physische Berechtigungsnachweis damit weiterhin ein wichtiger Bestandteil der betrieblichen Abläufe. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob er erhalten bleiben sollte, sondern ob er den Anforderungen und Bedrohungen der jeweiligen Umgebung noch gerecht wird.

Problematische Lücke

Bei vielen Unternehmen zeigt sich bereits hier eine problematische Lücke: Physische Credentials werden regelmäßig ausgestellt und neu gedruckt, etwa für neue Mitarbeiter, externe Dienstleister und Besucher oder weil eine Karte verloren gegangen ist. Die Sicherheitsstandards, die dabei zum Einsatz kommen, halten jedoch häufig nicht mit der Zutrittsinfrastruktur Schritt, in die diese Karten eingebunden sind.

Dabei spielt auch die Druckqualität eine größere Rolle, als häufig angenommen. Beim hochauflösenden Retransferdruck (HDP) wird das Kartenmotiv zunächst auf eine Folie gedruckt und anschließend thermisch mit der Kartenoberfläche verbunden. So entsteht eine widerstandsfähige, nicht ohne Weiteres ablösbare Schicht, die Manipulationen, Ablösungsversuchen und visuellen Fälschungen entgegenwirkt. Anders als beim Direktdruck auf die Karte ermöglicht HDP zudem eine gleichbleibend hohe Bildqualität – auch bei Karten mit Chips, Antennen oder anderen integrierten Komponenten. So lassen sich sichtbare Identitätsmerkmale und integrierte Sicherheitstechnologien miteinander verbinden, ohne dass eines davon beeinträchtigt wird. Für Behörden, Einrichtungen des Gesundheitswesens und international tätige Unternehmen mit hohen Anforderungen an Identitätsprüfung und Auditierbarkeit ist diese Druckqualität deshalb keine reine Frage der Optik. Sie ist ein Bestandteil des Schutzes vor Fälschungen.

Diese physische Qualität ist eine Seite der Medaille. Eine hochwertig gedruckte Karte, die einen festen, unverschlüsselten Code an ein Lesegerät übermittelt, lässt sich genauso leicht kopieren wie eine ältere Proximity-Karte, unabhängig davon, wie gut sie aussieht. Die Sicherheit eines Berechtigungsnachweises muss deshalb vom integrierten Chip bis zur Kartenoberfläche gewährleistet sein.

Was moderne Berechtigungsnachweise ausmacht

Moderne physische Credentials verbinden zwei Funktionen, die bei älteren Kartenformaten häufig getrennt waren: eine hochwertige, manipulationserschwerende Oberfläche und eine kryptografisch abgesicherte digitale Identität.

Technologien wie HID Seos und Mifare Desfire EV3 ermöglichen eine gegenseitige Authentifizierung von Karte und Lesegerät. Das Lesegerät überprüft die Karte und die Karte wiederum das Lesegerät. Unterstützt wird dieser Prozess durch eine AES-128-Verschlüsselung mit individuell abgeleiteten Sitzungsschlüsseln. Jeder Zutrittsvorgang basiert damit auf einem neuen kryptografischen Austausch und nicht auf der Abfrage eines statischen Codes.

Das Datenmodell Secure Identity Object (SIO) ergänzt eine weitere Sicherheitsebene. Die Berechtigungsdaten werden in einer Struktur gekapselt, die unter anderem eine Schlüsseldiversifizierung, Authentifizierungssignaturen und eine zusätzliche Verschlüsselungsebene umfasst. Selbst wenn eine physische Karte verloren geht oder die Kommunikation zwischen Karte und Lesegerät abgefangen wird, lassen sich die darauf enthaltenen Daten dadurch nicht ohne Weiteres kopieren oder erneut verwenden. Credentials sind damit an den vertrauenswürdigen Aussteller sowie das zugehörige System gebunden und erschweren dadurch Brüche.

Für Unternehmen, die große Mengen an Credentials verwalten, ist neben der technischen Sicherheit auch die operative Seite entscheidend. Cloudbasierte Ausgabesysteme ermöglichen es, Credentials zentral auszustellen, zu aktualisieren und zu sperren. Gleichzeitig lassen sie sich mit Zutrittskontroll- und HR-Systemen verbinden, ohne dass an jeder Ausgabestelle eine eigene lokale Infrastruktur erforderlich ist. Eine solche Integration schließt eine Lücke, die in vielen Unternehmen zwischen dem Lebenszyklus einer Karte und den zugehörigen Zutrittsrechten besteht. Wird eine Zugangskarte beispielsweise in der Personalabteilung gedruckt und anschließend von der IT für den Zutritt aktiviert, fehlt der gemeinsame Audit-Trail, der beide Prozesse miteinander verbindet. Solche Lücken in den Prozessen bieten Angriffsflächen und werden in der Praxis häufig ausgenutzt.

Zwei Personen vor einem Drucker übergeben eine Berechtigungskarte
Im Gesundheitswesen ermöglicht ein gedrucktes Credential die unmittelbare visuelle Überprüfung von Identität und Funktion des medizinischen Personals
© HID

Nur so sicher wie der Prozess dahinter

Ein Berechtigungsnachweis ist nur so sicher wie der Prozess, in dem er erstellt und ausgegeben wird. Auch die Systeme für die Ausgabe haben sich in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt: Aus einzelnen Desktop-Druckern sind vernetzte Plattformen geworden, die Drucker, Kameras und Datenquellen in einen gemeinsamen Registrierungs- und Ausgabeprozess integrieren. Diese Entwicklung ist relevant, weil auch die Anforderungen an die Ausgabe komplexer geworden sind. Besuchermanagement, die Verwaltung externer Dienstleister, mehrere Standorte und regulatorische Prüfanforderungen stellen Anforderungen an die Ausgabestruktur, die ein einfacher Prozess aus Drucken und Aushändigen nicht mehr abdecken kann.

Bei Investitionen in die Sicherheitsinfrastruktur sollten Unternehmen deshalb die Ausgabeprozesse und die Sicherheit der Credentials gemeinsam betrachten. Ein moderner Retransferdrucker in Kombination mit einer veralteten Kartentechnologie passt ebenso wenig zusammen wie ein hochsicherer Berechtigungsnachweis, der über einen Prozess ohne zentrale Verwaltung und Sperrmöglichkeit ausgegeben wird. Der Nutzen eines physischen Credentials entsteht daher erst dann, wenn die gesamte Kette – von der Ausgabeplattform über die Kartentechnologie bis zur Leserinfrastruktur – nach einem einheitlichen Sicherheitsstandard funktioniert und über eine zentrale Plattform gesteuert ist.

Weiterentwicklung ist eine essentielle Anforderung

Physische Credentials werden nicht verschwinden. Gerade in Bereichen, in denen visuelle Identitätsprüfung, Ausfallsicherheit und regulatorische Anforderungen zusammenkommen, bleiben sie ein wichtiger Bestandteil des Identitäts- und Zutrittsmanagements. Für Sicherheitsverantwortliche und Teams, die für die Ausgabe zuständig sind, geht es deshalb nicht um eine Entscheidung zwischen physischen und digitalen Credentials. Entscheidend ist vielmehr, dass die eingesetzten physischen Credentials denselben Sicherheitsanforderungen genügen wie die Systeme, mit denen sie zusammenwirken.

Der erste Schritt besteht darin, die aktuell eingesetzten Credentials unter die Lupe zu nehmen: Sind Drucker, Ausgabeplattform und Leserinfrastruktur noch für die Bedrohungen und Anforderungen gerüstet, denen sie heute ausgesetzt sind?

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