Wie sich die produzierende Industrie richtig absichert

Wie sich die produzierende Industrie richtig absichert. Die Auftragsbücher der produzierenden Industrie sind voll – das Exportgeschäft boomt. Der Maschinen- und Anlagenbau gehört z...

Dipl.-Verw. Heiner Jerofsky, Kriminalrat a. D.
Dipl.-Verw. Heiner Jerofsky, Kriminalrat a. D.

Wie sich die produzierende Industrie richtig absichert. Die Auftragsbücher der produzierenden Industrie sind voll – das Exportgeschäft boomt. Der Maschinen- und Anlagenbau gehört zur Spitzentechnologie, wächst kräftig und ist einer der wichtigsten Innovationsmotoren dieses Landes. „Uns geht es gut, sowohl der deutschen Antriebstechnik als auch dem Maschinen- und Anlagenbau und in weiten Bereichen der exportorientierten Industrie insgesamt.“ erklärte VDMA-Präsident Manfred Wittenstein anlässlich des 40-jährigen Jubiläums der Forschungsvereinigung Antriebstechnik (FVA) Ende 2007. In der Automobilindustrie war 2007 das fünfte Rekordjahr in Folge. Auch andere Produktionsstätten sind im Aufwind. Diesen Erfolg gilt es mit Augenmaß gegen Sicherheitsrisiken zu schützen. GIT SICHERHEIT berichtet über die wichtigsten Präventionsmaßnahmen zur Sicherung moderner Produktionsstätten.

Die Sicherheitslage einer produzierenden Firma kann sich über Nacht ändern. Gefahren drohen durch erhöhte Brand-, Diebstahls- und Sabotagerisiken aber auch bei plötzlichen Veränderungen der marktwirtschaftlichen Situation oder Schädigungen des Firmenimages. Gefahrenquellen sind neben den anlagebedingten allgemeinen Betriebsgefahren u. a.:

  • Brände und Naturkatastrophen, 
  • Energie- und IT-Ausfall 
  • Störfälle und schwere Arbeitsunfälle,
  • Industriespionage, Wettbewerbsverletzungen, Produktpiraterie, 
  • Veruntreuung von Firmengeldern und Korruption, 
  • Datenverlust, Informationsdiebstahl, Ausfall der Datensysteme, 
  • Diebstahl, Einbruch, Produkterpressung, Betrug und Sabotage, 
  • Anschläge und Bombendrohungen. 

Unterschätzung dieser Gefahrenquellen, falsche Sicherheitsorganisation und veraltete Technik – all das kann für jeden produzierenden Betrieb ein Krisenauslöser sein, der den Unternehmenserfolg stark gefährdet.

Sicherheitsanalyse bringt Klarheit

Die Sicherheitsanalyse beginnt mit einer gründlichen Sicherheitsinventur. Dabei sind alle Produktionsstätten, deren Funktionen, behördliche Auflagen, vorhandene Sicherheitstechnik und -konzepte, IT-Niveau und -Infrastruktur, Organisationspläne, Versicherungsauflagen, eigenes Sicherheitspersonal sowie laufende Verträge mit Dienstleistern zu erfassen.

Bei dieser Analyse sollten die objektbezogenen Besonderheiten, das individuelle Bedrohungs- oder Gefahrenrisiko mit einer Gewichtung der relevanten Gefahren aufgezeigt werden. Schadensbilanzen der letzten zehn Jahre können diese Feststellungen untermauern.

Zu dieser Bestandsaufnahme gehören auch die Organisationsstrukturen, die personellen Ressourcen, Ausbildungsstand und technische Ausrüstung. Das bezieht sich nicht nur auf den eigenen Werkschutz und die Sicherheitsdienstleister, sondern ggf. auch auf die eigene Werkfeuerwehr und alle Maßnahmen des Brandschutzes.

Versichern und sichern

Neben ausreichendem Versicherungsschutz für alle absehbaren Risiken gilt es Organisation, Sicherheitstechnik und Personal in ein abgestimmtes Sicherheitskonzept einzubinden. Dazu gehören Analysen bestehender Brandschutzkonzepte und die Überprüfung bisheriger Alarm- und Einsatzpläne.

Die IT-Sicherheit mit Technik und Organisation hat gleich hohen Schutzbedarf. Auch die formellen und informellen Informationswege, die Zugriffsmöglichkeiten, der Datenschutz und der Sicherheitsstandard sind zu bestimmen. Der wichtigste Punkt bei allen Sicherheitsüberlegungen sind jedoch die Mitarbeiter. Hier sollte mit Augenmaß die Personalstruktur nach Qualifikation und Aufgaben durchleuchtet werden, um den Sicherheitszielen des Unternehmens gerecht zu werden. Gut ausgebildete Brandschutz- und Sicherheitsbeauftragte oder Sicherheitsmanager sind fester Bestandteil des Sicherheitskonzeptes.

Priorität: Vorbeugender Brandschutz

Brände sind die denkbar größten Schadensereignisse für Unternehmen. Es drohen Gefahren für Gesundheit und Leben. Zusätzlich ist meist mit hohen Sachschäden und schädlichen Betriebsunterbrechungen zu rechnen. Deswegen gilt es nicht nur bei Neubauten die gesetzlich geforderte Brandschutzprävention zu betreiben, sondern es muss täglich auf Brandgefahren geachtet werden. Es gilt, überall rechtzeitig durch Technik, Organisation und Aufmerksamkeit Brandgefahren zu vermeiden.

Allein in Deutschland regulieren Versicherer Brandschäden von ca. 3 Mrd. €. Es werden jährlich rund 12.500 vorsätzliche Brandstiftungen registriert und Tausende von Existenzen durch Brände durch technische Ursachen sowie menschliches Fehlverhalten zerstört. Neben den baulich-technischen Maßnahmen umfasst der vorbeugende Brandschutz auch organisatorische Vorbereitungen und Kontrollmaßnahmen, wie:

  • Aufstellen einer Brandschutzordnung, Alarm-, Einsatz- und Räumungspläne, 
  • Organisation und Überwachung der Brandschutzkontrollen, 
  • Überwachung und Beseitigung von brandschutztechnischen Gefahren, 
  • Kontrollen von Treppenhäusern, Fluchtwegen, Feuerwehrangriffswegen, 
  • Kontrollen stationärer Löscheinrichtungen und Feuerlöscher, 
  • Beratung in Fragen des Brandschutzes, 
  • Übungen sowie Ausbildung und Unterweisung der Mitarbeiter. 

Alle diese Maßnahmen haben das Ziel, entstehende Brandgefahren zu erkennen, feuergefährliche Arbeitsabläufe zu vermeiden, brennbare Stoffe nicht mit möglichen Zündquellen zu lagern, brennbare Stoffe in Fertigungsbereichen nicht anzuhäufen und für eine schnelle und effektive Brandbekämpfung und intakte Fluchtwege zu sorgen.

Maschinen- und Anlagensicherheit

Die Ansprüche an die produzierende automatisierte Industrie hinsichtlich ihrer Produktivität, Flexibilität und Verfügbarkeit bedingen hohe Zuverlässigkeit von Maschinen und Anlagen. Sie sollten jederzeit durch „Safety Technology“ allen funktionalen und sicherheitstechnischen Anforderungen gerecht werden. Ob sicherheitsgerichtete Steuerungen, Schaltgeräte, Zuhaltungen, Sensoren, Lichtgitter, Überspannungsschutz, Kameraüberwachung oder Gaswarnsysteme – alle dienen dem Schutz und der Sicherheit von Menschen, gewährleisten die störungsfreie Produktion und gestalten damit das nötige Sicherheitsmanagement für Maschinen, Anlagen und sonstige Betriebsmittel.

Es geht auch um Schallpegelminderung, Umsetzung von Hygiene- und Ergonomieanforderungen sowie um sicherheitsorientierte Instandhaltungsstrategien bei Maschinen und Anlagen. Damit wird die „Safety Technology“ zum wichtigen Bestandteil der Gesamtsicherheit und Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens in der produzierenden Industrie. Denn jeder Stillstand der Machine bedeutet Produktionsausfall und der kostet Geld.

Ein weiterer und immer mehr an Bedeutung gewinnender Punkt ist der Schutz des industriellen Netzwerkes. Sicherheitsprobleme, die bislang nur in der Office-IT gelöst werden mussten, stellen nun Automatisierer und IT-Fachleute vor die große Herausforderung den Schutz des Industrial Ethernet zu gewährleisten. Ein Thema, dessen sich nicht nur VDMA und ZVEI in einer Reihe von Veranstaltungen annehmen.

Kriminalprävention und Krisenmanagement

Zur Verhinderung von Kriminalität gibt es verschiedene Strategien (primäre-, sekundäre- und tertiäre Prävention). Im betrieblichen Alltag haben Sicherheitsmaßnahmen jedoch hauptsächlich die Abschreckung von potentiellen Tätern zum Ziel (Sekundärprävention). Das wird durch Erschweren von Tatgelegenheiten sowie durch Kontrollen und konsequente Strafverfolgung erreicht. Durch den Einsatz von geschultem Sicherheitspersonal und mechanischer und elektronischer Sicherheitstechnik sollte jeder Produktionsbetrieb das Maß an Kriminalprävention betreiben, das nach einer aktuellen Sicherheitsanalyse nötig und sinnvoll ist.

Die gleiche Vorsorge gilt für mögliche Krisen, die meist durch eine Verkettung einer Vielzahl von Faktoren entstehen. Auch wenn bisher ein Unternehmen krisenfrei war, muss man sich gedanklich auf die Lösung einer solchen Situation vorbereiten. Krisenauslöser können Brand, Energieausfall, Bombendrohungen, Produkterpressungen, allgemeine Kriminalität, Computerviren und Hacking, Lieferanten- oder Kundenausfall, IT-Ausfall oder Entscheiderausfall sein.

Zum Krisenmanagement gehört u. a. die Entwicklung eines Krisenplanes, die Vorbereitung eines Krisenstabes und deren Schulung. Ebenso die Vorgabe des strategischen Rahmens durch die Unternehmensleitung und die richtige Informationspolitik, die entscheidend für den Verlauf und die Stärke der Krise sein kann. Deswegen gehört der Leiter Unternehmenskommunikation zwingend in den Krisenstab. Die vorbereitende Kontaktaufnahme zu Behörden und Organisationen mit entsprechenden Ansprechpartnern ist ebenso wichtig, wie die Vorbereitung von Checklisten, Maßnahmen-, Aktions-, Kommunikations- und Notfallpläne.

Sicherheitstechnik hilft

Mechanische Sicherungen, die sinnvoll aufeinander abgestimmt sind, stehen bei allen Sicherheitsüberlegungen an erster Stelle. Sie können Tätern einen definierten Widerstand entgegensetzen und damit einen Einbruch unter Umständen verhindern oder wesentlich erschweren. Barrieren sind außerdem meist Lärmhindernisse sowie straf- und versicherungsrechtlich von Bedeutung. Grundelemente für einen wirksamen Einbruchschutz sind je nach Sicherheitsgrad:

  • Mechanischer Perimeterschutz (Zäune, Mauern, Wände, Übersteigschutz, Bewuchs, Durchfahrschutz), 
  • Zugangskontrollanlagen (Mitarbeiter-, Besucher- und Lieferantenzugänge), 
  • Fassaden mit gleichem Widerstandszeitwert wie die Öffnungen, ohne Kletterhilfen, Versteck- und Ablagemöglichkeiten, 
  • Sicherheitsverglasung im Pfortenbereich und 
  • in sonstigen sensiblen Bereichen, die ohne Hilfsmittel erreicht werden können (z. B. EG), nach DIN EN 356 (gg. manuelle Angriffe) oder nach DIN EN 1063 (gg. Beschuss), VdS-anerkannte einbruchhemmende Türen (DIN V EN V 1627-1630), d. h. geprüft sind Türblatt, Bänder, Zarge, Mehrpunktverriegelung, Schutzbeschläge und Schließzylinder mit Schutz gegen Bohren, Nachschließen und Ziehen. 

Auch die sichere Aufbewahrung von wichtigen Akten und Daten kann schädliche Betriebsunterbrechungen verhindern. Der Markt bietet dazu eine Vielzahl geprüfter Wertbehältnisse und Datenschränke. Hierbei kann es sich um frei stehende oder aber auch um eingemauerte Wertschränke handeln. Geprüfte bzw. zertifizierte Wertbehältnisse sind an entsprechenden Plaketten, z. B.: Zertifizierung nach EN 1143-1, RAL-RG 627, VdS-Schadensverhütung oder ECB-S, zu erkennen. Sie garantieren dem Anwender beste Qualität und je nach Widerstandsgrad, Güteklasse und Schlossklasse, normierte Sicherheitsmerkmale gegen Brand, Einbruch und Datenverlust.

Elektronische Sicherungen

Dieses mechanische wird durch ein elektronisches Sicherheitskonzept ergänzt, so sind z. B. Einbruchmeldeanlagen (EMA) bei Lagerhallen und zur Absicherung wertvoller Büroausstattungen, sehr empfehlenswert. Sie können abschrecken, das Eindringen melden und ermöglichen im günstigsten Fall die Festnahme der Täter vor Ort.

Bei der EMA-Überwachung für Einbruchsrisiken bieten sich hauptsächlich zwei verschiedene Möglichkeiten. Zum einen die Fallensicherung, bei der bestimmte Bereiche durch Bewegungsmelder überwacht werden oder die Außenhautüberwachung, bei der insbesondere Fenster und Türen (in manchen Fällen auch die komplette Außenhaut) auf Einschlagen und Öffnen überwacht werden.

Letzteres bedingt jedoch relativ hohen Installations- und Kostenaufwand. In den meisten Fällen reichen, je nach Einschätzung und baulichen Umständen, Fallensicherungen mit stiller Alarmweitergabe an einen qualifizierten Wachdienst oder die Polizei bei unbewohnten Objekten. Die Projektierung, Alarmierung und Alarmverfolgung sollte ebenfalls mit Versicherern ggf. mit Polizei oder Sicherheitsdienstleistern abgesprochen sein.

Videoüberwachung

Die Überwachung per Video ist für die produzierende Industrie in vielen Bereichen hilfreich und hat ebenfalls einen starken Präventionseffekt, wie z. B.:

  • Zugangskontrolle, Tor- und Lieferüberwachung, 
  • Gelände- und Objektüberwachung, 
  • Einsatz im Umweltschutz 
  • Brandmeldung bei Innen- und Außenanlagen 
  • Überwachung als Diebstahlsschutz und 
  • Einsatz zum Arbeitsschutz. 

Die Überwachung ist unauffällig und kann mit Hilfe moderner Technik (intelligentes Videomanagement) von einem Leitstand aus durchgeführt werden. Durch Rundsichtkameras, Miniaturisierung, Digitalisierung, gesteigerte Empfindlichkeit, höhere Auflösung, bessere Verarbeitungs- und Speicherkapazitäten und CCTV-Kompatibilität mit Standard-PCs haben sich die Einsatzgebiete für Videotechnik auch für solche Zwecke bewährt. Rechtlich gibt es für die präventive Anwendung dann keine Probleme, wenn, wie vom Betriebsverfassungsgesetz verlangt, die Arbeitnehmervertretung zustimmt und das Ehr- und Schamgefühl nicht verletzt wird.

Sicherheitsmaßnahmen sind Zukunftsinvestitionen

Das gründliche und regelmäßige Nachdenken über die eigene Firmensicherheit ist immer sinnvoll. Jede „Sicherheitsinventur“ mit fachlicher Analyse und einem zielgerichteten individuellen Sicherheitskonzept bringt Stabilität, Planungssicherheit und vermindert Schadensrisiken. Es ist nicht erkennbar, dass sich in absehbarer Zeit Schadensereignisse, Naturkatastrophen, menschliches Verhalten und Kriminalität wesentlich verändern.

Ausgewogene, der örtlichen Gefahren- und Kriminalitätslage angepasste Präventivmaßnahmen sind daher die einzigen Möglichkeiten, um Schäden und Verlusten sinnvoll entgegenzuwirken. Damit werden alle technischen Sicherheitsmaßnahmen für die produzierenden Betriebe zu sinnvollen Investitionen in die Zukunft.

Dipl.-Verw. Heiner Jerofsky
Kriminalrat a. D.

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