Sicherheitsroboter einsetzen, wo Menschen an ihre Grenzen stoßen

Sicherheitsroboter können Aufgaben übernehmen, bei denen Menschen oft ermüden. So werden die Roboter beispielsweise für monotone Tätigkeiten eingesetzt. GIT SICHERHEIT im Interview mit Aleksej Tokarev, Geschäftsführer von Security Robotics, über die Vorteile und Einsatzbereiche der Roboter.

Wer jüngst auf der Security in Essen die Roboter von Security Robotics live erlebt hat, bekam mehr als eine Ahnung, dass diese Technik eine immer größere Rolle bei der Bewältigung von Sicherheitsaufgaben aller Art übernehmen wird. Vielfach sind die neuen Kollegen ja auch schon längst im Praxiseinsatz. GIT SICHERHEIT sprach mit Aleksej Tokarev, Gründer und Geschäftsführer von Security Robotics, Berlin. 
 

GIT SICHERHEIT: Herr Tokarev, der Name Security Robotics spricht es bereits aus: Das Unternehmen, dessen Gründer und Geschäftsführer Sie sind, bietet Roboter für Sicherheitsaufgaben an. Wie kamen sie zur Robotik und was ist ihr persönlicher Background?

Aleksej Tokarev: Ich war als Freelancer im Forschungsbereich des Sicherheitsdienstleisters Ciborius tätig. Dabei habe mich mit der Qualität von Sicherheitsdienstleistungen und -produkten bzw. deren Mängeln und ihrer Beseitigung beschäftigt – darunter mit verschiedenen Sensoren, Kameras, Videotechnik, etc. Diese Erfahrungen halfen mir beim Aufbau von Security Robotics, einer Ausgründung von Ciborius. Wir kauften zunächst Robotersysteme von Boston Dynamics ein und passten die Hardware an die Gegebenheiten von Sicherheitseinsätzen an und implementierten unsere KI-gestützten Softwareprozesse. Dank dieser Kombination konnten wir ein sehr flexibles modulares System als Produktlösung anbieten.

Die Entscheidung zu dieser Gründung von Security Robotics als eigenständigem Unternehmen war sehr schnell gefallen, denn wir waren fest davon überzeugt, dass es einen großen Markt für solche auf Sicherheitsaufgaben spezialisierte Roboter gibt. Jetzt ist Ciborius selbst Kunde und Partner von Security Robotics. 


Sie nutzen zur Zeit vier Grundmodelle, mit unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten und Fähigkeiten: Roboter mit Beinen, Rädern und Rotoren, nicht zu vergessen Ihren wohl stets hilfsbereiten Kommunikationsroboter „Promobot“. Noch sind aber nicht alle im Einsatz?
 

Aleksej Tokarev: Im Einsatz sind Argus und unser Spot, also unser „Hund“ – und die Reaktionen sind meist sehr positiv. 


Schauen wir uns den „Spot“ einmal näher an. Hersteller ist ja die Firma ­Boston ­Dynamics – von dort kommt er aber sozusagen nur mit Roboter-Hauptschulabschluss und bei Ihnen erhält er dann eine richtige Ausbildung, also eine individuelle Programmierung. Was bringen Sie ihm alles bei – und wie stark hängt das von den konkreten Kundenbedürfnissen ab? 

Aleksej Tokarev: Wir arbeiten mit einem zwischen Kamera und Leitstelle geschalteten KI-Modul. Dieses KI-Modul detektiert zum Beispiel Personen und Fahrzeuge. Wenn unberechtigte Personen das Gelände betreten, erfolgt eine Alarmmeldung. Wir haben eine eigene Plattform, die dafür zuständig ist, und können viele Leitstellen mit ihren unterschiedlichen VMS integrieren. Das Gleiche gilt für die Einbindung von Kameras und Sensoren. Unsere Plattform vereint und integriert das alles. Wenn der Roboter also mit Hilfe des KI-Moduls etwas Relevantes erkannt hat, dann schickt er diese Information an die Schnittstelle unserer Plattform, die sie dann an die betreffenden Leitstellen verteilt. 


Sein Vorteil ist ja die Beweglichkeit auf dem Gelände...? 

Aleksej Tokarev: Ja, er sieht alles, weil er auch um Ecken herumgucken kann. Das System ist dadurch dynamisch, so dass es keine unbeobachteten Stellen auf dem Gelände gibt. Er entlastet vor allem auch die Sicherheitsmitarbeiter von monotoner Arbeit – und der Roboter hat auch keine Probleme damit, bei Dunkelheit und Kälte im Außenbereich zu patroullieren. 


Security-Roboter können schon eine Menge und sie haben spezifische Vorteile, die Sie gerade skizziert haben. Sie arbeiten aber bereits an neuen Aufgaben, die er wird übernehmen können? Was genau, also welchen Aufgaben kann sich solch ein Security-Roboter alles stellen? 

Aleksej Tokarev: Wir denken hier an ein breites Spektrum von Möglichkeiten – etwa im Sinne von Bestandsanalysen: Ist ein Feuerlöscher dort, wo er hingehört? Stimmen die Ablaufdaten für Wartung etc. noch? Liegt irgendwo Gepäck herum, wo es nicht liegen darf – und vieles mehr. 

Wichtiger noch für die Weiterentwicklung ist aber die generelle Zielsetzung, die einzelnen Roboter möglichst alle miteinander zu vernetzen. Somit kann jeder Roboter andere „KI-Kollegen“ zur Hilfe rufen – vor allem, um sich Unterstützung bei Aufgaben zu holen, die für ihn allein nicht lösbar wären. So kann zum Beispiel der Spot mit seinen vier Beinen an Stellen gelangen, wo der radbetriebene Argus nicht hinkommt – oder es wird unser Beehive-System hinzugezogen, unsere Roboterdrohne mit intelligenter Videoanalyse. Durch diese Form der Zusammenarbeit können Sicherheitsroboter Überwachungsaufgaben zunehmend lückenlos abdecken.

Stellen Sie sich ein großes, mehrstöckiges Gebäude vor: Spot und Argus laufen Patrouille – und im Gebäude wacht der Empfangsroboter Promobot. Die zentrale Software-Plattform ACUDA, kurz für Autonomous Center of Unified Digital Acteurs, steuert alle Roboter und setzt diese, etwa bei Alarmmeldungen, in Bewegung. Spot könnte so in der Tiefgarage wirksam werden, Argus die unberechtigte Person im Außenbereich übernehmen. Klettert die Person über den Zaun, kann eine Drohne ihm hinterherfliegen...  


Das dürfte für viele Unternehmen attraktiv sein, wenn es sich wirtschaftlich betreiben lässt... 

Aleksej Tokarev: Indem alles miteinander verknüpft wird, entsteht ein intelligentes und lückenloses Sicherheitssystem, das mit wenigen Robotern das gesamte Objekt sichern kann. Dieser Ansatz ist vor allem auch wirtschaftlich und nachhaltig, zumal Roboter immer billiger werden. Eine ähnlich rasante technische wie preisliche Entwicklung haben wir ja bei den Kamerapreisen gesehen – und nicht zuletzt bei den Smartphones, die im Vergleich zu Produkten von vor zehn Jahren geradezu ein kleines Rechenzentrum darstellen. 

 
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Sie haben ja ausdrücklich den Fachkräftemangel im Auge, für den solche Roboter eine gewisse Entlastung versprechen sollen. Wie weit können denn Roboter menschliche Einsatzkräfte ersetzen – und zu welcher Grenze? Und wie kann sich das für ein Unternehmen rechnerisch darstellen?  

Aleksej Tokarev: Entscheidend ist für uns: Wir ersetzen nichts mit unseren Systemen. Das bezieht sich auf Mitarbeiter und die bereits genutzte Sicherheitstechnologie gleichermaßen. Aber wir unterstützen, wo diese an Grenzen stoßen: Ein Mitarbeiter ist nach sechs Stunden Überwachungsarbeit nicht mehr unbedingt aufnahmefähig. Denken Sie auch an Umwelteinflüsse auf Mensch und Technik: Regen, Wind, Sonne. Kameras haben zudem ein begrenztes Sichtfeld. Der Roboter dagegen bewegt sich, kann sein Sichtfeld verschieben. Mit seinen 360-Grad-PTZ-Kameras kann er in alle Richtungen schauen. Außerdem lässt er sich ohne weiteres mit allen denkbaren Sensoren ausrüsten, die ihn Anomalien aufspüren lässt: Licht, das eingeschaltet oder angelassen wurde, Rauch, Geräusche, Temperatur etc. Da er überall direkt hinläuft oder -fährt bemerkt er solche Dinge. 


Das ganze System wird dynamischer und smarter...

Aleksej Tokarev: Alles wird vor allem beweglich. Wir sprechen von beweglicher Intelligenz, die autonom kilometerweit laufen bzw. fliegen kann – also Aufgaben bewältigt und Hindernisse überwindet, mit denen konservative Methoden überfordert sind. Anomalien wie Magnetwellen, seltsame Geräusche bei Generatoren, etc. kann der Roboter anders als ein Mitarbeiter detektieren, der ja die nötigen Sensoren in aller Regel nicht mit sich herumschleppt. Auch die Bewertung von Daten – nicht alles muss unbedingt schädlich sein – kann ein normaler Mensch nicht ad hoc vornehmen. Unterstützen heißt für uns also nicht ersetzen. Vielmehr übernimmt der Roboter vor allem monotone Aufgaben bzw. Tätigkeiten die ein Mensch gar nicht abdecken kann/soll. 


Wie hilft er dann beim Thema Personalmangel? 

Aleksej Tokarev: Ein Mangel besteht ja eher an Leuten, die Entscheidungen treffen, Projekte erstellen und die Führung übernehmen. Wenn man diese Leute davon befreit, tagtäglich draußen im Regen herumzulaufen, und generell von den monotonen Seiten der Arbeit, hat man viel Einsatzzeit von Fachkräften gewonnen. Roboter wiederum werden nie ultimative Entscheidungen treffen und dürfen dies auch nicht. Wir müssen deshalb das Personal umschulen und höher qualifizieren. Für die wichtigen Entscheidungen und die wichtigen Positionen brauchen wir den Menschen – und zwar den gut ausgebildeten. Durch die Robotik entstehen dadurch auch neue Berufe in der Sicherheitsbranche.


Für welche Einsatzorte und Kunden sind die Roboter eigentlich am besten geeignet? Sie können ja sowohl im Gebäude als auch im freien Gelände arbeiten? 

Aleksej Tokarev: Wir sind seit bald zwei Jahren am Markt und haben unserer Roboter seitdem an den unterschiedlichsten Stellen eingesetzt: Von der Baustelle bis zur Achterbahn im Freizeitpark – bei letzterer ist die Drohne natürlich am nützlichsten. Auf großen Industriegeländen, in Logistikzentren und Tiefgaragen sind wir im Einsatz – und gerade auch da wo es für den Menschen zu gefährlich wird: in Chemiewerken oder überall wo Gase, Strahlung, Hitze etc. auftreten. 


Der Spot kann sogar Treppen steigen. Ist er damit schlichtweg der Allrounder unter den Sicherheitsrobotern? Und wie lange kann er schuften...?

Aleksej Tokarev: Also ein Sumpf oder starker Dauerregen sind zum Beispiel nicht ideal. Aber sonst kann der Roboter eigentlich überall eingesetzt werden. Das ist gerade sein Vorteil. Was die Zeit betrifft: Er arbeitet ja völlig autonom und lädt sich selbstständig an einer Ladestation auf. Einmal im Monat kriegt er einen Checkup und wird gewartet. Die Batterie wird etwa nach einem Jahr ausgetauscht. 


Von welchem Marktpotential gehen Sie aus – und in welchen, auch regionalen Märkten möchten Sie tätig werden? 

Aleksej Tokarev: Ganz allgemein ist die Robotik ein milliardenschwerer Zukunftsmarkt. Die größten Unternehmer – nehmen Sie etwa Elon Musk – investieren in diesen Bereich. Vergleichbar zu den Innovationen früherer Zeit, erzeugte auch die Robotik zu Beginn viel Skepsis und Ängste. So war es beispielsweise auch beim Aufkommen des Internets. In den nächsten Jahren werden wir aber erleben, dass sich das auch in der Robotik ändert. Wir bei Security Robotics integrieren derzeit viele Produkte in unsere Systeme, kooperieren mit verschiedenen Partnern im Markt. Hier wird viel geschehen in der nächsten Zeit. 

Mitten durch die Pfütze: Leichte Übung für die Roboterkollegen bei Security...
Mitten durch die Pfütze: Leichte Übung für die Roboterkollegen bei Security Robotics. © Security Robotics/Philipp Arnoldt Photography

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