Schutz allein reicht heute nicht mehr aus. Sicherheitsschuhe sollen Beschäftigte nicht nur vor Gefahren bewahren, sondern sie auch bei langen Arbeitstagen unterstützen. Dabei spielen Aspekte wie Gewicht, Passform, Dämpfung und individuelle Fußformen eine immer größere Rolle. Im Interview erklärt Dr. Katina Ehl, Head of Innovation, Biomechanics & Orthopaedics bei Elten, welchen Einfluss Leichtigkeit, Ergonomie und individuelle Passformen auf den Tragekomfort moderner Sicherheitsschuhe haben.

GIT SICHERHEIT: Frau Dr. Ehl, Sicherheitsschuhe müssen in erster Linie schützen. Warum ist zusätzlich der Tragekomfort so wichtig?
Dr. Katina Ehl: Weil Schutz und Tragekomfort untrennbar miteinander verbunden sind. Sicherheitsschuhe werden täglich über viele Stunden getragen. Wenn sie drücken, rutschen oder nicht richtig passen, wirkt sich das auf das Wohlbefinden aus. Gleichzeitig kann ein Sicherheitsschuh seine Schutzwirkung nur dann optimal entfalten, wenn er richtig sitzt und beispielsweise die Zehenschutzkappe korrekt über den Zehen positioniert ist. Deshalb sehen wir Tragekomfort nicht als Zusatznutzen, sondern als wichtigen Bestandteil eines modernen Sicherheitsschuhs.

Welche Rolle spielt dabei die Passform und warum sprechen Sie in diesem Zusammenhang von unterschiedlichen Fußtypen?
Dr. Katina Ehl: Die Passform ist entscheidend. Viele Menschen glauben, dass die richtige Schuhgröße automatisch bedeutet, dass ein Schuh gut passt. Tatsächlich unterscheiden sich Füße aber deutlich in ihrer Form und ihrem Volumen. Zwei Personen können dieselbe Schuhgröße tragen und trotzdem ganz unterschiedliche Anforderungen an einen Sicherheitsschuh haben. Manche benötigen mehr Platz im Vorfußbereich, andere profitieren von einer schmaleren Passform. Standardlösungen orientieren sich zwangsläufig am Durchschnitt. Deshalb möchten wir möglichst vielen Trägern eine Passform anbieten, die ihrem Fußtyp entspricht.
Schutz allein genügt vielen Anwendern heute nicht mehr. Welche Ansprüche werden inzwischen an moderne Sicherheitsschuhe gestellt?
Dr. Katina Ehl: Die Schutzfunktion steht weiterhin an erster Stelle. Gleichzeitig erwarten Anwender heute mehr als reine Normerfüllung. Ein moderner Sicherheitsschuh soll den Arbeitsalltag erleichtern. Er soll gut passen, Bewegungen unterstützen und auch nach vielen Stunden noch bequem sein. Hinzu kommen Aspekte wie ein geringes Gewicht oder ein modernes Design. Viele Sicherheitsschuhe orientieren sich heute optisch stärker an Freizeit- oder Sportschuhen. Weil Sicherheitsschuhe häufig der Teil der persönlichen Schutzausrüstung sind, der täglich am längsten getragen wird, achten Anwender heute nicht nur auf den Schutz, sondern zunehmend auch auf Design, Komfort und Ergonomie.
In der Biomechanik gilt der Fuß als ein sehr dynamisches System. Was bedeutet das für die Entwicklung moderner Sicherheitsschuhe und den späteren Tragekomfort?
Dr. Katina Ehl: Das hat einen großen Einfluss. Der Fuß verändert bei jedem Schritt mehrfach seine Form. Breite, Höhe und Belastungsverteilung sind nicht in jeder Phase des Schritts gleich. Deshalb greifen rein statische Betrachtungen oft zu kurz. Wir müssen Sicherheitsschuhe so entwickeln, dass sie dem Fuß genug Bewegungsfreiheit bieten und ihn gleichzeitig sicher führen. Wenn ein Schuh die natürliche Funktion des Fußes unterstützt, entsteht ein harmonisches Tragegefühl. Der Fuß hat den nötigen Raum und gleichzeitig den erforderlichen Halt.
Neben Passform und Bewegungsfreiheit spielt auch das Gewicht eines Sicherheitsschuhs eine wichtige Rolle. Warum?
Dr. Katina Ehl: Weil Sicherheitsschuhe viele Stunden am Tag getragen werden. Jedes zusätzliche Gramm wird während einer Schicht tausendfach bewegt. Deshalb kann das Gewicht einen spürbaren Einfluss auf das Tragegefühl haben. Leichte Sicherheitsschuhe werden von vielen Anwendern als weniger belastend empfunden und können dazu beitragen, Ermüdungserscheinungen im Laufe des Tages zu reduzieren.
Elten hat mit Tavixx besonders leichte Sicherheitsschuhe entwickelt. Welche Idee steckt dahinter und welche Rolle spielt die Leichtigkeit für den Tragekomfort?
Dr. Katina Ehl: Unser Ziel war es, einen Sicherheitsschuh zu entwickeln, der konsequent auf Leichtigkeit ausgelegt ist, ohne Kompromisse bei Sicherheit und Komfort einzugehen. Dafür haben wir jede einzelne Komponente betrachtet und überall dort Gewicht reduziert, wo es sinnvoll und technisch möglich war. Das Ergebnis ist ein Sicherheitsschuh, der sich besonders leicht trägt. Eine wichtige Rolle spielt dabei die vollständig aus Infinergy bestehende Zwischensohle. Dieser rückfedernde Partikelschaum sorgt für ein dynamisches Laufgefühl und unterstützt den Träger während langer Arbeitstage.
Tavixx steht damit vor allem für das Thema Leichtigkeit. Mit der Serie Wellmaxx Fit verfolgt Elten einen anderen Ansatz für mehr Tragekomfort. Worum geht es dabei?
Dr. Katina Ehl: Bei Wellmaxx Fit steht die Passform im Mittelpunkt. Unser Ziel war es, unterschiedliche Fußformen besser zu berücksichtigen und mit einer leistungsfähigen Dämpfung zu verbinden. Denn ein Sicherheitsschuh muss nicht nur leicht sein, sondern auch wirklich passen.
Was steckt konkret hinter dem Konzept Wellmaxx Fit?
Dr. Katina Ehl: Der Ausgangspunkt dafür liegt rund 20 Jahre zurück. Gemeinsam mit Professor Stefan Grau und seinem Team an der Universität Tübingen haben wir untersucht, wie unterschiedlich Füße tatsächlich beschaffen sind. Dabei zeigte sich, dass sich die meisten Füße drei Typen zuordnen lassen. Diese Erkenntnisse bildeten die Grundlage für unsere Ergo-Active-Serie. Mit Wellmaxx Fit führen wir diesen Ansatz weiter und verbinden die Passformsystematik für kräftige, normale und schmale Füße erstmals mit unserem Dämpfungskonzept. So können deutlich mehr Menschen einen Sicherheitsschuh finden, der gut passt und gleichzeitig hohen Tragekomfort bietet.
Wellmaxx Fit umfasst auch spezielle Damenpassformen. Weshalb war dieser Schritt wichtig?
Dr. Katina Ehl: Frauenfüße unterscheiden sich nicht allein durch ihre Größe. Es gibt auch anatomische Besonderheiten, die wir bei der Konstruktion berücksichtigen müssen. Deshalb fertigen wir die Größen 36 bis 39 auf speziellen Damenleisten. Unser Anspruch war es, nicht einfach Modelle zu verkleinern, sondern Passformen zu entwickeln, die den Anforderungen von Trägerinnen gerecht werden.
Wellmaxx Fit verbindet Passform und Dämpfung. Warum gehören diese beiden Faktoren aus Ihrer Sicht zusammen?
Dr. Katina Ehl: Weil Tragekomfort immer aus mehreren Komponenten entsteht. Die Modelle der Serie nutzen ebenfalls den Partikelschaum Infinergy, der für ein dynamisches Laufgefühl sorgt. Während bei Wellmaxx Feel vor allem die Leichtigkeit im Vordergrund steht, kombinieren wir bei Wellmaxx Fit die Dämpfungseigenschaften des Materials gezielt mit unserem Passformkonzept. Eine gute Passform sorgt dafür, dass der Fuß im Schuh richtig geführt wird und ausreichend Raum hat. Das Dämpfungsmaterial unterstützt die Bewegung und trägt dazu bei, Belastungsspitzen abzufedern. Erst wenn Passform und Material sinnvoll aufeinander abgestimmt sind, entsteht ein Schuh, der sich über viele Stunden angenehm trägt.
Welche Rolle spielen Fußgesundheit und Ergonomie für einen sicheren und produktiven Arbeitsalltag?
Dr. Katina Ehl: Wer im Arbeitsalltag viele Stunden auf den Beinen ist, spürt sehr schnell, ob ein Sicherheitsschuh wirklich zum Fuß und zur Tätigkeit passt. Druckstellen, fehlender Halt oder eine unpassende Dämpfung können nicht nur unangenehm sein, sondern auch Bewegung und Konzentration beeinflussen. Deshalb betrachten wir Fußgesundheit und Ergonomie nicht als Randthemen, sondern als wichtige Faktoren für Wohlbefinden, Leistungsfähigkeit und Arbeitssicherheit.
Dennoch wird das Thema Sicherheitsschuhe oft auf Normen und Schutzklassen reduziert.
Dr. Katina Ehl: Die Schutzfunktion bleibt selbstverständlich unverzichtbar. Gleichzeitig erwarten die Anwender heute mehr. Ein moderner Sicherheitsschuh soll schützen, komfortabel sein und den Arbeitsalltag bestmöglich begleiten. Diese Erwartungen schließen sich nicht aus. Im Gegenteil: Je lieber ein Schuh getragen wird, desto größer ist die Akzeptanz bei den Beschäftigten.
Ein Blick in die Zukunft: Welche Entwicklungen erwarten Sie bei Sicherheitsschuhen?
Dr. Katina Ehl: Ich bin überzeugt, dass Individualisierung weiter an Bedeutung gewinnen wird. Wir verstehen immer besser, wie unterschiedlich Füße sind und wie sich diese Unterschiede auf den Komfort auswirken. Die Zukunft liegt für mich in Konzepten, die Schutz, Passform, Dämpfung und individuelle Bedürfnisse noch mehr zusammenbringen. Gleichzeitig wissen wir, dass nicht jeder Fuß mit einer Serienlösung optimal versorgt werden kann. Deshalb ergänzen wir unser Angebot durch ein Orthopädiekonzept mit eigener Orthopädieschuhmacherwerkstatt und orthopädischen Sprechtagen in Unternehmen. So können wir bei Bedarf eine individuell abgestimmte Versorgung ermöglichen. Diese Verbindung aus serienmäßiger Passform und individueller Versorgung wird künftig noch wichtiger.



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