Kriminalitätsrisiken für die Wirtschaft 2022

Die Entwicklung der kriminellen Bedrohungen ist nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Wirtschaft von großer Bedeutung. Insbesondere die Wirtschaftskriminalität einschließlich der Geldwäsche und der Korruption untergraben das Vertrauen in die Volkswirtschaft. Viele Deliktsarten fügen einzelnen Unternehmen große Schäden zu. Und die Kriminalitätsentwicklung ist ein gewichtiger Einflussfaktor auf dem Sicherheitsmarkt der Sicherheitstechnik und der Sicherheitsdienstleistungen. Ein Beitrag von Sicherheitsberater MinDir a.D Reinhard Rupprecht.

Reinhard Rupprecht Min. Dir. a.  Foto: privat
Reinhard Rupprecht Min. Dir. a. Foto: privat

Anfang April hat Bundesinnenministerin Nancy Faeser zusammen mit dem BKA-Präsident Holger Münch Schwerpunkte der Bundeskriminalstatistik 2021 vorgestellt. Danach ist die Zahl der registrierten Verdachtsfälle erneut gesunken: um 24,9 % auf ca. 5 Millionen. Die Häufigkeitsziffer (HZ) hat sich ebenfalls um 4,9 % auf 6.070 reduziert. Gegenüber 2007 ist das ein Rückgang um 20,5 %, im 10-Jahresvergleich um 16,5 %. Der Trendverlauf zeigt, dass sich dieser Rückgang 2022 fortsetzen wird. Die Aufklärungsquote (AQ) ist in den letzten zehn Jahren für die Gesamtkriminalität von 54,7 auf 58,7% angestiegen, ein erfreulicher, wenn auch nicht voll zufriedenstellender, Zuwachs.


Cybercrime

An der Spitze der kriminellen Bedrohung der Wirtschaft stand 2021 Cybercrime in seinen vielfältigen Begehungsformen. 146.363 Fälle wurden 2021 ermittelt, 12,1 % mehr als im Vorjahr. Dabei sank die AQ von 32,1 auf 29,3 ab. Die meisten ermittelten Verdachtsfälle betrafen den Computerbetrug (113.000). Höhere Zuwachsraten ergaben sich bei der Fälschung beweiserheblicher Daten und der Täuschung im Rechtsverkehr (+ 22,9 % auf ca. 13.400 Fälle), bei der Computersabotage (34 % auf etwa 5000 Delikte) und bei der Datenausspähung (Anstieg um 30,6 % auf über 14.900 Fälle). Dabei ist die große Zahl der nicht als Cybercrime registrierten, aber mit Hilfe des Internet begangenen, Straftaten nicht eingerechnet. 

Im Jahr 2021 standen nach der vom BSI analysierten IT-Sicherheitslage 2021 Ransomware-Attacken im Vordergrund der Bedrohungen. Sie richteten sich zunehmend gegen finanzstarke Unternehmen („Big Hunting“). Laut einer Studie des Sicherheitsunternehmens Sophos beträgt die Lösegeldforderung in Deutschland durchschnittlich 115.000 Euro. Und das BSI beobachtete 2021 weitreichende Phishing-Kampagnen und Angriffe auf Videokonferenzen, beide unter Ausnutzung der Pandemiebedingungen. 

Das Phänomen „Cybercrime as a Service“ ist zu einer gängigen kriminellen Dienstleistung geworden. Das Angebot an gestohlenen Daten für weitere Cyberangriffe hat nach Erkenntnissen des BSI im Berichtsraum Mitte 2020 bis Mitte 2021 um fast 300 % zugenommen. Diese Bedrohungen werden sich tendenziell 2022 fortsetzen und teilweise verstärken. Vor allem russische Hackergruppen spähen kontinuierlich vor allem Technologieunternehmen, Wissenschafts- und Forschungsinstitutionen in Deutschland aus. Neu hinzu kommt in diesem Jahr die naheliegende Gefahr von Angriffen russischer Hackergruppen im Auftrag des Kreml als Reaktion auf die gegen Russland verhängten Sanktionen. 


Wirtschaftskriminalität

Im Gegensatz zu mehreren Sektoren der physischen Kriminalität ist die registrierte Wirtschaftskriminalität 2021 um 4,2 % auf 51.260 Fälle angestiegen. Das mag teilweise an der Durchführung von Sammelverfahren gelegen haben, aber auch an einem Anstieg der Fälle des Computerbetrugs im Rahmen der Wirtschaftskriminalität um über 300 % und beim Abrechnungsbetrug im Gesundheitswesen um fast 200 % (auf über 11.000 Fälle, pandemiebedingt). Besonders stark angestiegen ist die Zahl der ermittelten Korruptionsfälle (gegenüber 2020 um 22,5 % auf 5.110). Infolge eines besonders hohen Dunkelfeldes ist eine Tendenz für 2022 daraus nicht abzuleiten, auch nicht für die Korruption im geschäftlichen Bereich, deren Zahlen für 2021 noch nicht vorliegen. 

Zur Wirtschaftskriminalität im weiteren Sinne sind auch Straftaten auf dem Umwelt- und Verbraucherschutzsektor zu zählen. Die haben 2021 um 16,6 % auf ca. 33.500 Fälle abgenommen. Ein steigendes Umweltschutz- und Verbraucherschutzbewusstsein in der Wirtschaft lässt hoffen, dass diese Abnahme sich 2022 und in den Folgejahren fortsetzt.


Einbruchs- und Diebstahls­kriminalität

Die ermittelten Fallzahlen in vielen Sektoren der Einbruchs- und der Diebstahlskriminalität zeigen langfristig eine tendenzielle Abnahme. Die beruht einerseits auf den attraktiven Tatgelegenheitsstrukturen  im IT-Bereich, zum anderen an verbesserten Präventionsmöglichkeiten mit intelligenten Lösungen mechanischer und elektronischer Sicherheitstechnik sowie erhöhter Bekämpfungsenergie der Strafverfolgungsorgane. So hat zum Beispiel die Polizei in NRW in den letzten Jahren vermehrt Großrazzien zur Aufdeckung von Clankriminalität arabisch/türkischer Großfamilien durchgeführt und setzt solche Aktionen auch 2022 fort. 

Die Diebstahlskriminalität ist 2021 erneut zurückgegangen: um 11,8 % auf weniger als 1.484.000 Fälle. Leider ist zugleich die AQ um 14,1 % gesunken. Im Hinblick auf Präventionsstrategien und die immer präziseren Detektionsmöglichkeiten durch Sicherheitstechnik mit künstlicher Intelligenz ist eine Analyse dieses deutlichen Rückgangs geboten. Die Abnahme der Diebstahlskriminalität ist tendenziell so verfestigt, dass auch für 2022 mit einer Reduzierung gerechnet werden kann. Von 2007 bis 2021 hat die registrierte Diebstahlskriminalität um 48,4 % beim „schweren Diebstahl“ (vor allem Einbruchskriminalität) und um 35,1 % beim „einfachen Diebstahl“ abgenommen. Ähnlich sieht es in den für die Unternehmenssicherheit ausschlaggebenden Sektoren aus. So ist der registrierte Diebstahl aus Fabrik-, Büro- und Lagerräumen 2021 um 19,7 % auf 64.654 ermittelte Fälle zurückgegangen. Und auch der Ladendiebstahl hat um 15,6 % auf ca. 256.700 Fälle abgenommen. Allerdings ist hier das Dunkelfeld unermesslich groß.


Betrug

Der nicht der Wirtschaftskriminalität zugerechnete Betrugssektor zeigt in seiner Bedrohlichkeit eine gleichbleibende Tendenz. 2021 wurden über 793.600 Betrugsfälle ermittelt, 1,8 % weniger als im Vorjahr. Der Waren- und Warenkreditbetrug blieb mit einer Abnahme um 0,3 % fast unverändert hoch (über 291.000 Fälle). Der Tankbetrug nahm um 3,5 % ab. Wie sich das geringere Verkehrsaufkommen einerseits und die Erhöhung der Spritpreise andererseits in diesem Kriminalitätsbereich auswirken, sollte kriminalistisch analysiert werden. Die Zahl der ermittelten Fälle des „Erschleichens von Leistungen“, insbesondere im öffentlichen Personenverkehr, hat zwar 2021 um 6,8 % abgenommen. Wegen des von der Kontrollintensität abhängigen großen Dunkelfeldes lässt sich eine Tendenz für 2022 aber nicht erkennen. Unerfreulich ist in allen genannten Betrugssektoren ein deutlicher Rückgang der AQ, insgesamt um 5 %, beim Tankbetrug sogar um 12,3 %. Die immer höhere Detektionsqualität der Videokameras, mit denen die meisten Tankstellen ausgerüstet sind, hätte einen Anstieg der AQ erwarten lassen.


Fälschungskriminalität und ­Produktpiraterie

Nach einem Bericht der Bundesbank vom 28. 1.2022 ist die Zahl der in Deutschland entdeckten „Blüten“ 2021 gegenüber 2020 um 28,6 % auf 42.000 zurückgegangen. Der Nennwert der sichergestellten Banknoten sank um 34,5 % auf 1,9 Millionen Euro. Der Schaden für die Volkswirtschaft wird sich auch im Jahr 2022 voraussichtlich in diesen Grenzen halten. Ein hoher Schaden entsteht Unternehmen und deren Kunden dagegen durch die Produktpiraterie. Ermittelte Straftaten nach dem Markengesetz haben 2021 um  24 % auf 1.752 Fälle zugenommen. Die Softwarepiraterie ist 2021 um 134,6 % auf 244 Fälle angestiegen. Am 3. Mai hat die Präsidentin der Generalzolldirektion mitgeteilt, dass der Zoll 2021 gefälschte Waren im Wert von 315 Millionen Euro beschlagnahmt hat, 32 % mehr als 2020. 68 % stammten aus China und Hongkong.
Auch die Corona-Pandemie haben Kriminelle für den Vertrieb gefälschter Waren in der EU missbraucht. Nach einem Bericht von Europol und des EU-Amtes für geistiges Eigentum vom 7.3.2022 florierte der Handel mit Produktfälschungen, die der Gesundheit schaden können. Größtenteils kommen die minderwertigen Produkte aus Asien und der Türkei. Auch 2022 wird diese kriminelle Bedrohung betroffener Unternehmen anhalten. Besonders oft gefälscht werden nach wie vor Kleidung, Accessoires und Luxusgüter sowie elektronische Geräte und Halbleiterprodukte.


Geldwäsche

Geldwäsche verdoppelt den der Wirtschaft durch kriminelle Aktionen zugefügten Schaden. Denn sie entzieht die Beute durch Verschleierung dem Zugriff der Ermittlungsorgane und der Rückgabe an die Opfer. Und die Volkswirtschaft erleidet weiteren Schaden durch Wettbewerbsverzerrungen als Folge der Einspeisung des gewaschenen Geldes in den legalen Wirtschaftskreislauf. Eine Studie der Universität Halle-Wittenberg berechnet den Geldwäscheschaden auf bis zu 100 Milliarden Euro jährlich. 2022 kommt für Unternehmen das Risiko der Verhängung von Bußgeldern wegen Nichtbeachtung der Fristen zur Eintragung in das Transparenzregister dazu.


Globale Logistik

Die deutsche Wirtschaft litt schon 2021 unter heftigen Störungen der globalen Lieferketten. Dieses Risiko hat 2022 weiter zugenommen, vor allem infolge der „No Tolerance“-Strategie Chinas in der Covid 19-Bekämpfung. Der totale Lockdown in Schanghai hat den Warenumschlag im weltgrößten Containerhafen weitgehend eingeschränkt. 12 % aller verschifften Waren steckten im April 2022 im Stau fest. Hinzu kommt die Pirateriegefahr. Derzeit werden in der für den Welthandel extrem wichtigen Straße von Malakka so viele Schiffe überfallen wie seit Jahren nicht mehr. Allein im ersten Quartal 2022 hat sich die Zahl der Überfälle im Vergleich zum Vorjahr auf 17 mehr als verdoppelt. Und im Hinblick auf den russischen Überfall auf die Ukraine haben Reeder „an alle Seiten“ appelliert, Seeleute und zivile Handelsschiffe nicht zum Faustpfand werden zu lassen.  


Spionage

Die Spionagetätigkeit russischer Nachrichtendienste wird 2022 als Reaktion auf die verhängten Sanktionen durch Cyberattacken wie durch den Einsatz von Agenten zunehmen. Die Ausweisung von 40 als Mitarbeiter der Nachrichtendienste FSB, SWR oder GRU erkannten Angehörigen der russischen Botschaft wird die Ausspähungstätigkeit allenfalls vorübergehend einschränken, zumal Agenten auch aus den Zentralen herausgeführt werden. Die Spionagetätigkeit wird sich auf die Beschaffung dringend benötigter Technologie fokussieren. 

Das BfV bezeichnet als besonders gefährdet die Branchen der maritimen Wirtschaft, der Luft- und Raumfahrt, der Halbleiterproduktion, Werkzeugmaschinen sowie die Sicherheits- und Rüstungsindustrie. Deutsche Unternehmen sollten die Kommunikation mit etwa noch bestehenden Niederlassungen in Russland möglichst beschränken und bei allen Kontakten mit russischen Dienststellen oder ehemaligen Partnern auf Abschöpfungsversuche achten. Besonders intensiv ist weiterhin die Spionagetätigkeit chinesischer Nachrichtendienste und Konkurrenzunternehmen. Ausspähungsversuche richteten sich nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes auch gegen deutsche Unternehmen, die weiterhin Impfstoffe gegen Covid 19 entwickeln.


Fazit

Auch 2022 zeigt die kriminelle Bedrohung von Unternehmen, der Sicherheitswirtschaft und der Volkswirtschaft Licht und Schatten. Die zunehmende Strukturveränderung von der physischen zur Cyberkriminalität muss die Wirtschaft veranlassen, auf der Basis der Empfehlungen der Sicherheitsbehörden, insbesondere des BSI, die IT-Sicherheit noch ernster zu nehmen. Das gilt insbesondere für KMU. Der teilweise beträchtliche Rückgang der Aufklärungsquote, vor allem bei der Einbruchs- und Diebstahlskriminalität, könnte sowohl auf zu geringe Anstrengungen bei der Bildanalyse der Videoüberwachung wie auf nachlassende Anzeigenbereitschaft zurückzuführen sein und bedarf einer vertieften Untersuchung. Die Sicherheitsbehörden ebenso wie die Bundesverbände für Sicherheit der Wirtschaft müssen 2022 den Wirtschaftsschutz weiter verstärken, über den Informationsaustausch und das Beratungspotenzial hinaus hin zur weiteren Verbesserung der Rahmenbedingungen. 

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